Wie die Psyche das Herz belastet

Professor Dr. rer. med. Jochen Jordan

Die Psychokardiologie hilft Hypertonikern, sich von alten Gewohnheiten und Denkmustern zu befreien, um durch ein gesünderes Leben das Herz zu schützen.

Die Medizin weiß seit langem, dass seelische Vorgänge unmittelbar Auswirkung auf den Blutdruck haben. Im Alltag spüren wir dies immer wieder an Körpergefühlen wie Druck im Hals, Schwitzen, Nervosität, Erröten, Herzklopfen und Hitzegefühle. Die Betroffenen nennen als Ursache dafür immer wieder bestimmte Gefühle: Ärger, schwierige Konflikte, natürlich auch Stress und Angst. Die Gefühle verändern innerhalb von Sekunden unsere Herz-Kreislauf- Regulation, Blutdruck- und Pulsanstieg sind die spürbaren Folgen. Diese Zusammenhänge sind in mehr als 4.000 wissenschaftlichen Studien untersucht worden.

Drug-Holiday

Bei gesunden Menschen sinkt der Blutdruck langsam auf seinen Ausgangswert, sobald die schwierigen Gefühle nicht mehr bestehen. Das braucht seine Zeit, weil die Stresshormone im Körper oft einige Stunden erhöht sind und auch den Blutdruck beeinflussen. Ist die Blutdruck-Regulation jedoch grundsätzlich aus dem Gleichgewicht, so kommt es zu einem chronischen und damit gesundheitsschädigendem Blutdruckanstieg. Meist spüren die Betroffenen nur vorübergehende schnelle Blutdruckanstiege, während sie einen chronisch erhöhten Blutdruck kaum wahrnehmen. Obwohl viele Menschen wissen, dass ein chronisch hoher Blutdruck nicht gesund ist, wollen sie nicht wirklich etwas dagegen tun. Im Grunde wollen sie es am liebsten nicht wissen. Kein Wunder also, dass zwischen 40 und 90 Prozent der Menschen mit Bluthochdruck nicht oder unzureichend behandelt werden. So kann man davon ausgehen, dass nur etwa 8 bis 10 Prozent der Hypertoniker dauerhaft und zuverlässig ihre Medikamente einnehmen. Viele Menschen machen „Drug-Holiday“, das heißt sie machen Pausen, und sagen dies natürlich nicht ihrem behandelnden Arzt.

Massiver Widerstand

Aus psychologischer Sicht lässt es sich mit einem leicht bis mäßig erhöhten Blutdruck sehr gut leben. Die Betroffenen fühlen sich wohl, aktiv und in guter Stimmung. Blutdrucksenkung hingegen macht müde, depressiv und antriebslos. Wissenschaftler haben in den vergangenen Jahren Hinweise gefunden, dass der Körper den Blutdruck nach oben regelt, weil die Psyche das angenehmer findet. Denn die Psyche mag keinen niedrigen Druck. Deshalb kommen die entsprechenden Sensoren und Regler der Psyche entgegen, damit diese sich wohler fühlt. Trotzdem kann auch ein mäßig erhöhter Blutdruck bereits den Organismus schädigen. Hinzu kommt, dass die meisten Menschen sich innerlich gegen Tabletten wehren. Sagt beispielsweise ein Arzt zu seinem Patienten: „Sie haben einen zu hohen Blutdruck und müssen nun für den Rest Ihres Lebens Medikamente nehmen. Andernfalls laufen Sie Gefahr, später einmal schwer krank zu werden“, dann regt sich bei vielen Menschen massiver Widerstand: „Ich muss nichts…ich bekomme das selbst in den Griff, ich will nicht lebenslänglich abhängig sein; ICH NICHT…“! Außerdem muss ein Patient großes Vertrauen in seinen Arzt haben. Denn seine Worte sind wie eine Drohung: Wenn Sie jetzt brav sind und die Nebenwirkungen ertragen, dann werden Sie in vielen Jahren möglicherweise belohnt. Ein Betroffener soll sich als krank definieren, Lebensqualität einbüßen und nun täglich die bittere Pille schlucken für ein vages Versprechen auf die Zukunft.

Nur mit viel Aufwand

Hat ein Hypertoniker eingesehen, dass er Medikamente nehmen muss, stellt er meist sofort die nächste Frage: Lässt sich der Blutdruck auch anders dauerhaft senken? Komme ich um die Pillen herum? Die Antwort ist eindeutig: Mit einem gesunden Lebensstil lässt sich der Blutdruck ebenfalls senken. Aber: Dazu ist sehr viel Aufwand und eine hohe Motivation notwendig. Und ob der Druck soweit gesenkt werden kann, dass ein Betroffener seine Medikamente reduzieren oder sogar ganz weglassen kann, ist im Einzelfall sehr unterschiedlich und hängt oft vom Ausgangswert des Blutdrucks ab. Das alles sind nicht gerade leichte und nebenbei zu erledigende Aufgaben. Im Gegenteil: Lebensstiländerungen müssen hart erarbeitet werden und sind äußerst instabil. Es braucht meist eine gewisse Zeit und die Absicherung durch soziale Beziehungen. Hierbei können Psychotherapeuten oder Ärzte mit dem Schwerpunkt Psychokardiologie Hilfestellung geben. Denn die Psychokardiologie möchte den Willen zu Veränderung durch Einsicht fördern und nicht durch Drohung. Vertreter der noch jungen medizinischen Disziplin helfen durch psychologische Unterstützung Hypertonikern, ihre eigenen inneren Widerstände zu verstehen und abzubauen. So können Betroffene ihre Motivation stabilisieren und ihren neuen Lebensstil dauerhaft umsetzen.

Die Psychokardiologie empfiehlt:

  • regelmäßige körperliche Bewegung: 3 bis 4 Mal wöchentlich 30 bis 60 Minuten 
  • Gewichtsreduktion 
  • Umstellung der Ernährung: 75 Prozent Gemüse, Obst und Salat 
  • Yoga, Meditation, Autogenes Training, Biofeedback oder andere Entspannungsverfahren 
  • Stressanalyse, Stressmanagement und Stressabbau 
  • eine befriedigende Paarbeziehung und nicht von Leistungsdruck geprägte Sexualität.

Psychokardiologie

Die Psychokardiologie ist eine noch junge Spezialdisziplin der Medizin. Sie befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen psychischen Faktoren und Herzerkrankungen. Psychische Krankheiten können Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen, aber auch psychisch gesunde Menschen profitieren von psychologischer Unterstützung, wenn sie aufgrund einer Erkrankung wie Bluthochdruck ihr gesamtes Leben umkrempeln müssen. Weitere Informationen: www.psycho-kardiologie.de

Autor

Professor Dr. Jochen Jordan ist Leiter einer der ersten deutschen Kliniken für Psychokardiologie am Kerckhoff Rehabilitationszentrum in Bad Nauheim. Er hat Pädagogik und Psychologie studiert und in Theoretischer Medizin promoviert. Seine Tätigkeitsschwerpunkte sind Psychosomatik, Medizinische Psychologie und Psychokardiologie.

Dieser Beitrag erschien im DRUCKPUNKT – Zeitschrift für Prävention und Behandlung des Bluthochdrucks und seiner Folgen – Ausgabe 01/2010. Sie können die Ausgabe hier kostenlos als PDF-Datei herunterladen oder als gedrucktes Heft in unserem Online-Shop erwerben.

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