Sport als Stresskiller: Fakt oder Fiktion?

Dr. Markus Gerber

Sport ist gesund, das haben viele Studien gezeigt. Doch wirkt Sport auch gegen die gesundheitsschädlichen Folgen von Stress?

Der Stellenwert von körperlicher Aktivität und Sport hat im Laufe des 20. Jahrhunderts immens zugenommen. Insbesondere seine Bedeutung für das Gesundheitsverständnis von Bevölkerung und Medizinern ist gestiegen. Noch vor 100 Jahren war Sport das Privileg einer kleinen Elite. Viele Menschen bemühten sich, körperliche Aktivität im Alltag möglichst zu vermeiden. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts gelang es Wissenschaftlern jedoch, den gesundheitlichen Nutzen von Sport nachzuweisen. Mittlerweile sind die positiven Auswirkungen bei vielen Menschen untersucht und nachgewiesen worden. So reduziert Sport das Risiko für Herzerkrankungen und bestimmte Krebsarten sowie für Typ-2-Diabetes, Osteoporose und vieles mehr.

Geringer Aufwand

Schon mit geringem Aufwand erzielt man den vollen Nutzen für die Gesundheit. Das gilt besonders für alle, die bisher keinen Sport betrieben haben. Trainierte wiederum haben bereits einen hohen Nutzen. Bei ihnen bringt eine weitere Leistungssteigerung nur wenig zusätzlich. Aktuell empfehlen Mediziner täglich eine halbe Stunde körperliche Bewegung. (Siehe Abbildung) Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um alltägliche Aktivitäten wie Rasenmähen handelt oder um sportliche Tätigkeiten wie Jogging. Und es ist nie zu spät, die körperliche Betätigung zu steigern. Auch Spätzünder können durch vermehrte Körperaktivität ihre Gesundheit im fortgeschrittenen Alter länger erhalten.

In den Medien ist in diesem Zusammenhang häufig zu lesen, dass körperliche Aktivität auch Gesundheitsschäden durch chronischen Stress entgegenwirkt. Doch in diesem Punkt sind die wissenschaftlichen Forschungen weitaus unklarer.

Stress macht krank

Das Wissen um die negativen Folgen von Stress hat in den vergangenen 50 Jahren stark zugenommen. Forscher haben nachgewiesen, dass Stress an der Entstehung vieler chronischer Krankheiten beteiligt ist. Studien zeigen allerdings auch, dass Menschen sehr individuell auf Stress reagieren. Sie sind je nach Veranlagung mehr oder weniger für negative Folgen anfällig. Stress ist somit auch für beträchtliche privat- und volkswirtschaftliche Einbußen verantwortlich. Doch wenn Menschen unter Stress leiden, nehmen sie nur selten professionelle Hilfe in Anspruch. Zur Vorbeugung stressbedingter Erkrankungen sind deshalb nicht-medikamentöse Methoden zum Stressmanagement immer wichtiger. Forscher vermuten, dass Sport für eine vorübergehende Auszeit sorgt und von den Alltagssorgen ablenkt. Manche Wissenschaftler glauben außerdem, dass regelmäßige Bewegung die gesundheitsschädlichen Körperreaktionen auf Stress verringert. Bisher konnten Forscher nachweisen, dass körperliche Bewegung zu einer Aktivierung der autonomen Körperfunktionen führt. Das heißt, es werden vermehrt Stresshormone wie Adrenalin und Kortisol ausgeschüttet. Ausgehend von diesen Beobachtungen entstand die so genannte „Cross-Stressor Adaptationshypothese“: Ein wiederholter Belastungsreiz zum Beispiel durch körperliche Aktivität führt im Organismus zu unspezifi schen Anpassungsvorgängen. Das heißt, der menschliche Körper passt sich der Anforderung an. Studien zeigen, dass trainierte Personen während eines körperlichen Ausdauertrainings die Belastung besser verarbeiten.

Nur bedingt übertragbar

Manche Ärzte vermuten, dass sportliches Training den Körper auf Stress-Situationen beispielsweise im Beruf vorbereitet. Doch der Belastungsreiz durch Sport lässt sich auf andere Situationen wie Stress im Beruf nur bedingt übertragen. Nachgewiesen ist, dass körperliche Aktivität unmittelbar vor einer belastenden Situation beispielsweise im Beruf die Stressreaktion verringert und der Organismus sich anschließend schneller erholt. Ein anhaltender Einfl uss von Sport auf die Stressreaktionen des Körpers ist jedoch weder bei körperlich aktiven noch bei gut trainierten Personen belegt. Dagegen konnten Wissenschaftler zeigen, dass sportlich aktive Menschen sich schneller von Stress erholen. Dennoch ist ein Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität, Fitness und der generellen Stressreaktion des menschlichen Körpers damit nicht nachgewiesen.

Ein möglicher Grund für fehlende Belege könnte sein, dass Anpassungsprozesse an wiederholt auftretende Belastung spezifischer ausfallen als ursprünglich angenommen. So kurbeln körperliche Belastungen den Stoffwechsel an und reduzieren den Blutgefäßwiderstand. Dagegen wirken sich berufliche Stress-Situationen nicht grundsätzlich auf den Stoffwechsel aus, führen aber zu einem erhöhten Gefäßwiderstand. Allerdings gibt es nur wenige Studien, an denen Personen mit chronischen Erkrankungen wie Bluthochdruck teilgenommen haben. Bei ihnen könnten positive Effekte von Sport auf körperliche Stressreaktionen größer ausfallen als bei gesunden Menschen.

Außerhalb des Labors

Positive Auswirkungen auf die unmittelbaren körperlichen Reaktionen bei Stress ist nur einer von vielen möglichen Mechanismen von Sport. Einige Studien wurden unabhängig von Experimenten und künstlichen Laborsituationen durchgeführt. Daran haben Menschen teilgenommen, die sich subjektiv gestresst fühlten. Bei ihnen milderte die körperliche Aktivität stressbezogene Gesundheitsbeschwerden. Das könnte darauf zurückzuführen sein, dass Sport gut gegen Stress ist - aber nicht durch körperlich messbare Reaktionen, sondern in erster Line durch andere Wirkungen: beispielsweise durch ein verändertes Gesundheitsbewusstsein, stärkere soziale Einbindung oder positive psychische Auswirkungen.

Autor

Dr. Markus Gerber ist stellvertretender Leiter der Abteilung Sportpädagogik und Sozialwissenschaften am Institut für Sport und Sportwissenschaften der Universität Basel. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Stress, Stressbewältigung, Schlafstörungen und psychische Gesundheit.

Dieser Beitrag erschien im DRUCKPUNKT – Zeitschrift für Prävention und Behandlung des Bluthochdrucks und seiner Folgen – Ausgabe 02/2010. Sie können die Ausgabe hier kostenlos als PDF-Datei herunterladen oder als gedrucktes Heft in unserem Online-Shop erwerben.

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