Rechtzeitig erkennen - Lungenhochdruck

Professor Dr. med. Ekkehard Grünig

Patienten mit Bluthochdruck erkranken nicht selten auch an Lungenhochdruck. Um die Lebensqualität zu erhalten, sollte frühzeitig auf Lungenhochdruck untersucht werden.

Lungenhochdruck bleibt häufig lange Zeit unentdeckt, da der Blutdruck in der Lunge nicht so einfach gemessen werden kann. Denn der Blutkreislauf des Menschen ist zweigeteilt. Im größeren Kreislauf fl ießt das sauerstoffreiche Blut von der linken Herzhälfte (linkes Herz) durch den Körper und versorgt die Organe mit Sauerstoff. Im kleineren Kreislauf pumpt die rechte Herzhälfte (rechtes Herz) das sauerstoffarme Blut in die Lunge, wo es wieder mit Sauerstoff angereichert wird. Von dort fließt es zurück in das linke Herz. Im Lungenkreislauf ist der Druck viel geringer als im großen Blutkreislauf, er liegt in Ruhe bei etwa 15 mm Hg. Bluthochdruck im Lungenkreislauf besteht, wenn der mittlere Druck in den Lungenarterien in Ruhe 25 mm Hg beträgt oder mehr. Lungenhochdruck ist eine häufige Begleiterkrankung von Bluthochdruck. Das betrifft gerade Patienten, die seit langem einen erhöhten Blutdruck haben und in Folge davon einen verdickten Herzmuskel des linken Herzens entwickeln. Viele dieser Patienten leiden an einer bestimmten Form der Herzschwäche, der so genannten diastolischen Herzschwäche (Linksherzinsuffizienz mit erhaltener systolischer Funktion). Das heißt, die linke Herzkammer kann sich in der Entspannungsphase nicht mehr ausreichend ausdehnen und nimmt deshalb weniger Blut auf, die Pumpfunktion des Herzens ist jedoch nicht beeinträchtigt. Im amerikanischen Register für Lungenhochdruck hatten 41 Prozent der Patienten mit Lungenhochdruck zusätzlich Bluthochdruck. Umgekehrt hatten in einer aktuellen amerikanischen Studie etwa 79 Prozent der Patienten mit dieser Form der Linksherzschwäche einen Lungenhochdruck, der die Lebenserwartung der Patienten einschränkte. (Siehe Abbildung)

Die Ursachen

Bluthochdruck wird häufig erst spät bemerkt und es dauert oft viele Jahre, bis die Erkrankung medikamentös gut eingestellt ist. In der Phase mit nicht oder nicht ausreichender medikamentöser Therapie können beim linken Herzen durch die ständige Druckbelastung Veränderungen auftreten: zum Beispiel eine Verdickung der Herzwände, die Vergrößerung der Herzhöhlen, eine Einschränkung der Dehnbarkeit der linken Herzkammer und des Vorhofs. Diese Veränderungen bewirken die Linksherzinsuffizienz. Eine Folge davon ist der Rückstau des Bluts in den Lungenkreislauf und eine Druckerhöhung in den Lungenarterien, die vor allem bei Belastung auftritt. Im weiteren Verlauf der Erkrankung verändern sich die kleinen Blutgefäße der Lunge und auch das rechte Herz wird in Mitleidenschaft gezogen.

Symptome und Diagnose

Meist spüren Betroffene die Beschwerden wie Luftnot zunächst nur bei Belastung, später auch in Ruhe. Durch den Rückstau des rechten Herzens in den großen Blutkreislauf kann es zu Wassereinlagerungen in den Knöcheln, Rückstau in die Leber mit Appetitlosigkeit und sichtbar gestauten Halsvenen kommen. In späteren Stadien kann der Puls schon in Ruhe sehr hoch sein. Bei starker Anstrengung kann es sogar zur Bewusstlosigkeit kommen, beispielsweise wenn die Betroffenen zu rasch oder beladen die Treppen hochgehen. In späteren Stadien kann ein Arzt Anzeichen des Lungenhochdrucks im EKG erkennen (typische schaufelartige ST-Streckensenkungen). Im Herzultraschall ist die Fläche des rechten Vorhofs und der Herzkammer vergrößert und der Blutdruck in der Lunge erhöht. Das Ausmaß der Beschwerden und der Herzerkrankung kann mit einer sogenannten Stressechokardiographie abgeklärt werden. Dabei wird das Herz unter Belastung mit Ultraschall untersucht. Auf diese Weise können Hinweise auf andere Ursachen der Luftnot wie Durchblutungsstörungen oder eine Lungenerkrankung erhalten werden. Eine endgültige Diagnose ist nur durch eine Katheteruntersuchung des Herzens möglich. Patienten, bei denen trotz optimaler Therapie des Bluthochdrucks und der Linksherzinsuffizienz weiterhin ein Lungenhochdruck besteht, sollten sich in einem Lungenhochdruckzentrum untersuchen lassen.

Neue Therapien in Erprobung

Eine aktuelle Studie berücksichtigte alle Bluthochdruckpatienten eines ganzen Bezirks mit Erkrankung des linken Herzens. Diese wurden mittels Herzultraschall untersucht und über Jahre erfasst. Dabei zeigte sich, dass Lungenhochdruck der wichtigste unabhängige Faktor für die Prognose ist. Patienten mit Linksherzinsuffizienz und Lungenhochdruck lebten kürzer als Patienten ohne Lungenhochdruck (Grünig, E. und Benz A. et al.,: Prognostic value of serial assessment in familial screening in patients with dilated cardiomyopathy. European Journal of Heart Failure 2003; 5, S. 55– 62). Es ist daher geradezu lebenswichtig für alle Patienten mit Bluthochdruck und Linksherzinsuffizienz, einen Lungenhochdruck nicht zu übersehen. Die Linksherzinsuffizienz eines Hypertonikers sollte medikamentös behandelt werden. Hierfür stehen mehrere Medikamente zur Verfügung: unter anderem ACE-Hemmer, AT1-Antagonisten, Betablocker und Diuretika. Der Blutdruck sollte in jedem Fall gut eingestellt sein. Nach meiner klinischen Erfahrung ist bei zusätzlichem schwerem Lungenhochdruck der AT1-Antagonist besser verträglich als ein ACE-Hemmer. Ein Diuretikum wie Spironolacton verlängert das Überleben und sollte unter Kontrolle der Nieren- und Kaliumwerte genommen werden. Diuretika vermindern die Wasserüberladung des Herzens. Denn zu viel Wasser verstärkt die Rechtsherzschwäche, die bei Lungenhochdruck häufig vorkommt. Bei Wassereinlagerungen kann die zusätzliche Gabe eines Diuretikums wie Torasemid sinnvoll sein. Betroffene sollten sich täglich wiegen um Wassereinlagerungen frühzeitig festzustellen. Bei leichten Formen des Lungenhochdrucks kann eine zusätzliche Atem- und Bewegungstherapie die körperliche Belastbarkeit sowie Beschwerden deutlich verbessern und möglicherweise auch die Lebenserwartung verlängern. Hierfür wurde von uns in Zusammenarbeit mit der Heidelberger Rehaklinik Königstuhl als Ergänzung zur medikamentösen Therapie ein spezielles Programm für Patienten mit Lungenhochdruck entwickelt. Dieses kann Beschwerden, körperliche Belastbarkeit und den Erkrankungsverlauf deutlich verbessern. Lungenhochdruckspezifische Medikamente wie Sildenafil sind nicht für diese Form des Lungenhochdrucks zugelassen. Sie sollten nur im Rahmen von Studien oder in einem Lungenhochdruckzentrum eingesetzt werden.

Autoren

Professor Dr. med. Ekkehard Grünig ist Leiter des Lungenhochdruckzentrums der Thoraxklinik der Universitätsklinik Heidelberg. Er ist einer der Sprecher der Arbeitsgruppe für Lungenhochdruck der deutschen Gesellschaft für Kardiologie sowie Mitautor der Kommentare zu den Europäischen Leitlinien für pulmonale Hypertonie.

Dieser Beitrag erschien im DRUCKPUNKT – Zeitschrift für Prävention und Behandlung des Bluthochdrucks und seiner Folgen – Ausgabe 02/2012. Sie können die Ausgabe hier kostenlos als PDF-Datei herunterladen oder als gedrucktes Heft in unserem Online-Shop erwerben.

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