Positive Beurteilung: Handgelenkmessung

Professor Dr. med. Manfred Anlauf und Dr. med. Ulrich Tholl

Bisher wurde die Blutdruckmessung am Handgelenk von Experten eher kritisch beurteilt. Doch Tests haben gezeigt: Gute Geräte messen den Blutdruck am Handgelenk ebenso zuverlässig wie Oberarmgeräte.

Geräte für die Selbstmessung des Blutdrucks am Handgelenk sind klein, bequem zu handhaben und preiswert. Doch ihre Messgenauigkeit wurde immer wieder in Zweifel gezogen. Inzwischen bestätigen mehrere Tests, dass auch die Messung mit einem automatischen Handgelenkmessgerät zuverlässige Ergebnisse liefert.

Positive Beurteilungen

Aktuell veröffentlicht im Internet der dabl® Educational Trust die Namen von 39 Handgelenkgeräten, die nach den Protokollen der Association for the Advancement of Medical Instrumentation, der British Hypertension Society oder der European Society of Hypertension getestet wurden. Danach gelten 28 Geräte als empfehlenswert, zehn als bedenklich und eines als nicht empfehlenswert. Von 142 Oberarmgeräten sind 134 empfehlenswert, sieben bedenklich sowie ein Gerät nicht empfehlenswert (www.dableducational.org/sphygmomanometers/devices). Die deutsche Stiftung Warentest beurteilte die Messgenauigkeit in ihrem letzten Test vom Dezember 2010 bei drei von fünf Handgelenkgeräten mit „gut“ und bei zweien mit „befriedigend“, bei sechs von sieben Oberarmgeräten mit „gut“, und bei einem mit „befriedigend“. Das Beste und das Schlechteste aller zwölf Geräte war jeweils ein Handgelenkgerät. Zum Gesamturteil der Stiftung Warentest über ein Gerät trugen neben den Blutdruckmessergebnissen an Probanden und am Simulator mit 65 Prozent auch die Handhabbarkeit mit 25 Prozent und die Gebrauchsanleitung mit 10 Prozent bei.

Prüfsiegel der Deutschen Hochdruckliga

Das umfangreichste und besonders ausgewogene Prüfverfahren für Blutdruckmessgeräte ist das Prüfsiegel-Protokoll der Deutschen Hochdruckliga. Die Geräte werden an jeweils 96 Probanden getestet, Handgelenkgeräte zusätzlich an 20 Diabetikern. Die Internetseite der Liga (www.hochdruckliga.de) nennt im Juli 2012 insgesamt 40 Oberarmgeräte und zehn Handgelenkgeräte, die zwischen 2001 bis 2012 die Prüfung bestanden haben. Zu den Prüfkriterien der Deutschen Hochdruckliga gehören international übliche Kriterien. So dürfen die über alle Vergleichsmessungen gemittelten Differenzen zwischen Geräte- und Kontrollmessung systolisch und diastolisch 5 mm Hg nicht überschreiten, die Standardabweichungen dieser Differenzen dürfen höchstens 8 mm Hg betragen. Darüber hinaus prüft die Deutsche Hochdruckliga die Messgenauigkeit der Geräte anhand eines Konkordanzkriteriums für die systolische und diastolische Messgenauigkeit mit Hilfe eines Punktescores.

Da bisher die meisten der Prüfsiegeltests in zwei von uns geleiteten Kliniken vorgenommen wurden, hatten wir die Möglichkeit, bei 64 Geräten für die Selbstmessung den Einflüssen auf die Messgenauigkeit nachzugehen. Dabei zeigte sich in erster Linie eine Abhängigkeit der Messgenauigkeit von der Blutdruckhöhe – sowohl bei Oberarm- wie auch bei Handgelenkgeräten. Die Automaten messen beim systolischen (oberen) und beim diastolischen (unteren) Blutdruck hohe Werte tendenziell zu niedrig, niedrige Werte tendenziell zu hoch. Dies zeigte sich nahezu bei jedem Gerät, unabhängig davon, ob sie den Test bestanden haben oder nicht. Bei guten Geräten waren diese Abweichungen allerdings gering.

Diagnostische Brauchbarkeit

Ein zu Hause gemessener Blutdruck sollte nicht höher als 135 / 85 mm Hg sein, soweit keine besonderen zusätzlichen Erkrankungen vorliegen. Anhand unserer Daten aus 41 Oberarm- und 23 Handgelenkgeräte-Tests gingen wir der Frage nach, mit welcher Genauigkeit die geprüften Geräte diese Normgrenze erkennen. Für beide Gerätetypen zeigte sich, dass in einem von vier Fällen ein zu hoher Blutdruck nicht erkannt wurde. Aber nur in einem von 10 Fällen war ein zu hoch gemessener Blutdruck in Wirklichkeit normal. Doch dieses Gesamtergebnis wird stark von unzuverlässigen Geräten beeinflusst, die den Prüfsiegel-Test nicht bestanden haben. Das zeigt jedoch, dass prinzipiell kein Unterschied zwischen Oberarm- und Handgelenkgeräten besteht. Dies gilt auch für die Ergebnisse der jeweils besten Geräte beider Gruppen. Zusammenfassend ist festzustellen, dass es bei optimaler Handhabung möglich ist, ein mindestens ebenso zuverlässig messendes Handgelenkgerät wie Oberarmgerät zu finden. Die theoretischen Bedenken gegen die Handgelenkmessung sind damit nicht praxisrelevant.

Richtig Blutdruck messen

Die Druckbelastung des Herzens ist abhängig vom Druck in der Aortenwurzel (herznahe Region der Schlagader). Vernachlässigt man die Pulsdynamik wie Pulswellengeschwindigkeit, so ändert sich der Blutdruck allein aus Gründen der Schwerkraft um etwa 7 mm Hg pro 10 Zentimeter in vertikale Richtung: Nach oben nimmt er ab, nach unten nimmt er zu. Giraffen benötigen zur ausreichenden Hirndurchblutung einen Blutdruck von über 300 mm Hg.

Legt man im Sitzen bei der Druckmessung am Handgelenk die Hände in den Schoß, kann bei 30 Zentimeter Höhenunterschied zum Herzen ein 20 mm Hg höherer Blutdruck als in Herzhöhe gemessen werden. In der Regel machen die Gebrauchsinformationen für Handgelenkgeräte ausreichend darauf aufmerksam, dass sich das Handgelenk bei der Messung in Herzhöhe befinden soll, und dass dabei die Armmuskeln entspannt sein sollten. Außerdem gibt es Blutdruckmessgeräte mit einem Lagesensor, der Messungen bei falscher Armhaltung weitgehend verhindert. Bei Druckmessungen am Oberarm im Sitzen ergibt sich dieses Problem in der Regel nicht.

Da Handgelenkgeräte einfach und schnell angelegt werden können, wird häufig vernachlässigt, dass für korrekte Ergebnisse vor der Messung eine Ruhephase von mindestens drei bis fünf Minuten eingehalten werden muss. Wegen der Kompaktbauweise nach dem Armbanduhrenprinzip sind Handgelenkgeräte häufig nur links gut anzulegen und einfach ablesbar. Manche sollten jedoch den Blutdruck rechts messen, weil beispielsweise auf dieser Seite der Druck deutlich höher liegt oder sich auf der linken Seite ein Dialyseshunt befindet. Die Betroffenen sollten beim Kauf darauf achten, dass ihr Gerät rechts gut angelegt und abgelesen werden kann. Sowohl bei Handgelenkgeräten als auch bei Oberarmgeräten ist darauf zu achten, dass die Manschetten für den individuellen Armumfang groß genug sind.

Blutdruckmessung am Handgelenk

Die Blutdruckmessung am Handgelenk ist eine Alternative zur Messung am Oberarm. In den vergangenen Jahren gab es jedoch einige Handgelenkgeräte, die nur unzuverlässige Messergebnisse ermittelt haben. Geräte, die von Hypertonikern zur Selbstmessung eingesetzt werden, sollten deshalb einen vom Hersteller unabhängigen Test bestanden haben. Vor Billigware wird gewarnt. Messfehler durch falsche Anwendung können durch Schulungen verhindert werden.

Autoren

Professor Dr. med. Manfred Anlauf war bis 2004 Chefarzt der Medizinischen Klinik II des Zentralkrankenhauses Reinkenheide in Bremerhaven und ist heute in freier Praxis in Cuxhaven tätig. Er ist Regionalbeauftragter der Deutschen Hochdruckliga und Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Dr. med. Ulrich Tholl ist Chefarzt der Medizinischen Klinik III im St. Antonius Hospital in Kleve. Er ist stellvertretender Sprecher der Regionalbeauftragten der Deutschen Hochdruckliga und Mitglied der Sektion Hochdruckdiagnostik.

Dieser Beitrag erschien im DRUCKPUNKT – Zeitschrift für Prävention und Behandlung des Bluthochdrucks und seiner Folgen – Ausgabe 02/2012. Sie können die Ausgabe hier kostenlos als PDF-Datei herunterladen oder als gedrucktes Heft in unserem Online-Shop erwerben.

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