Obst und Gemüse schützen das Herz

Professor Dr. med. Heiner Boeing

Die groß angelegte EPIC-Studie klärt, was eine gesunde Ernährung wirklich bringt. Die bisherigen Ergebnisse zeigen: Insbesondere Herz und Kreislauf kann man durch den regelmäßigen Verzehr von Obst und Gemüse vor schwerwiegenden Erkrankungen schützen.

Mit der EPIC-Studie (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition) soll der Einfluss der Ernährung auf chronische Erkrankungen genauer untersucht werden. Die Untersuchung zählt zu den Kohortenstudien: Eine große Anzahl von Menschen, die zu Studienbeginn gesund waren, werden über einen längeren Zeitraum begleitet. Solche groß angelegten Beobachtungsstudien können Einflussfaktoren für das Auftreten einer Erkrankung in der Bevölkerung aufdecken. Außerdem lassen sich aus den Ergebnissen effektive Präventionsmaßnahmen ableiten. Für die EPIC-Studie konnten über 500.000 Personen in zehn europäischen Ländern zur Mitarbeit gewonnen werden. Die Studienteilnehmer wurden Mitte der 1990er Jahre ausführlich nach ihren Lebensgewohnheiten und insbesondere nach ihrer Ernährung befragt. Außerdem wurden sie körperlich untersucht, ihre Körpermaße bestimmt und der Blutdruck gemessen. In den darauf folgenden Jahren und bis heute werden die EPIC-Teilnehmer immer wieder befragt: Zum Beispiel werden sie nach dem Auftreten von Erkrankungen gefragt. Die so gewonnenen Daten werden unter anderem mit Registern wie den Krebsregistern abgeglichen. Um Erkrankungen bei den Studienteilnehmern genauer festzustellen, wird die exakte medizinische Diagnose bei den behandelnden Ärzten eingeholt. Die später folgenden Befragungen der Studienteilnehmer werden auch genutzt, um die Informationen zu den Lebensstilfaktoren auf den aktuellen Stand zu bringen. Viele Personen leiden im mittleren und fortgeschrittenen Alter an einem erhöhten Blutdruck. Deshalb sollen in der EPIC-Studie unter anderem die Lebensstilfaktoren ermittelt werden, die das Risiko für Bluthochdruck vermindern. Außerdem werden die Faktoren erforscht, die Bluthochdruck begünstigen und auch das Risiko für Herz-Kreislauf- Erkrankungen erhöhen. Gerade für Personen mit der Neigung zu Bluthochdruck ist eine Verminderung des Gesamtrisikos für Herz-Kreislauf- Erkrankungen wichtig. Denn bei ihnen ist das Risiko für diese Erkrankungen insgesamt höher als bei Personen mit normalem Blutdruck.

Risikofaktoren für Bluthochdruck

Wissenschaftler waren sich bisher bereits einig, dass der Verzehr von Obst und Gemüse mit zu den aussichtsreichsten Faktoren gehört, die das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen vermindern könnten. Denn Obst und Gemüse haben einen günstigen Einfluss auf den Blutdruck und reduzieren außerdem das Risiko für Herz-Kreislauf- Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall. Nun konnten die Daten der EPIC-Studie einen weiteren Nachweis für diese Zusammenhänge erbringen. Unter anderem wurde untersucht, wie sich mit dem steigenden Verzehr von Obst und Gemüse das Risiko verändert, an koronaren Herzerkrankungen wie Herzinfarkt zu sterben. Gerade die EPIC-Studie eignet sich gut für eine solche Analyse. Denn daran nehmen Personen aus ganz Europa teil, zwischen denen zum Teil erhebliche Unterschiede im Verzehr von Obst und Gemüse bestehen: So schwankt in der EPIC-Studienbevölkerung der Obst- und Gemüseverzehr um mehr als das Zweifache zwischen den verschiedenen europäischen Regionen. Der Norden Europas ist die Region mit dem niedrigsten Verzehr an Obst und Gemüse täglich. Dort nehmen Männer durchschnittlich ungefähr 220 Gramm Obst und Gemüse jeden Tag zu sich. So sind insbesondere bei vielen Studienteilnehmern aus Norwegen und Schweden vergleichsweise niedrige Verzehrmengen an Obst und Gemüse registriert worden. Im Süden Europas dagegen wird Obst und Gemüse viel häufiger verzehrt, bis nahezu 600 Gramm täglich. Daher sind bei den EPIC-Studienteilnehmern aus Italien und Spanien viele Personen zu finden, die wesentlich mehr als ein halbes Kilo Obst und Gemüse jeden Tag zu sich nehmen. Aufgrund der Verschiedenheit im Obst- und Gemüseverzehr gibt es unter den Teilnehmern der EPIC-Studie eine große Bandbreite, wie oft Obst und Gemüse jeden Tag auf dem Speiseplan stehen: Es findet sich eine große Zahl von Personen, die zum Beispiel weniger als 3 Portionen Obst und Gemüse täglich zu sich nehmen, das entspricht rund 240 Gramm, sowie eine große Zahl von Personen, die mehr als acht Portionen täglich verzehren, also rund 640 Gramm. Dabei wurde eine Portion mit 80 Gramm Obst und Gemüse gleichgesetzt. Dies ist die Zahl, mit der auch die Weltgesundheitsorganisation rechnet.

Risiko sinkt mit dem Verzehr

Kohortenstudien wie die EPIC-Studien lassen sich umfassend auswerten. So kann zum Beispiel das Erkrankungsrisiko verglichen werden, das verschiedene Personengruppen haben, deren Verhalten oder Eigenschaften sich charakteristisch voneinander unterscheiden. Den Forschern stehen dabei statistische Modelle zur Verfügung, mit denen sie andere Einflussfaktoren angleichen können. Um den Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Obst und Gemüse und dem Risiko für koronare Herzkrankheiten zu analysieren, wurden die Daten von 313.000 Studienteilnehmern herangezogen. Von diesen erlitten 1.636 Personen innerhalb von acht Jahren eine tödlich verlaufende Herzkrankheit. Bei der Auswertung zeigte sich, dass mit dem steigendem Verzehr von Obst und Gemüse das Risiko für eine tödlich verlaufende Herzkrankheit sank: Personen, die mehr als acht Portionen Obst und Gemüse täglich verzehrten, hatten ein um ungefähr 25 Prozent niedrigeres Risiko für eine tödliche Herzkrankheit gegenüber denjenigen, die weniger als drei Portionen pro Tag verzehrten. Bei der Analyse wurde auch der Einfluss anderer Risikofaktoren berücksichtigt. Zur Bestätigung dieses Befundes wurde berechnet, wie sich das Risiko für tödlich verlaufende koronare Herzkrankheiten pro Portion verändert: Mit jeder Portion Obst und Gemüse lag das Risiko jeweils um 5 Prozent niedriger. Da sich Obst und Gemüse in den bioaktiven Pflanzenstoffen unterscheidet, wurde außerdem untersucht, ob es Unterschiede in der Auswirkung von Obst oder Gemüse gibt. Dabei zeigte sich in der EPIC-Studie, dass der Effekt für Obst im Vergleich zu Gemüse stärker war.

Ernährungsempfehlung bestätigt

Diese groß angelegte europäische Beobachtungsstudie stützt die Empfehlung, auf den Obst- und Gemüseverzehr zu achten und möglichst viel davon zu sich zu nehmen. Für koronare Herzkrankheiten ist die Datenlage hinsichtlich des risikosenkenden Effekts von Obst und Gemüse übereinstimmender als zum Beispiel für Krebserkrankungen. Deshalb sollte auch in der öffentlichen Diskussion über gesunde Ernährung stärker als bisher betont werden, dass der Verzehr von Obst und Gemüse das Risiko für koronare Herzkrankheiten senkt. Es ist ein klares gesundheitspolitisches Ziel, dass jeder erwachsene Bundesbürger mindestens fünfmal am Tag eine Portion Obst und Gemüse zu sich nehmen sollte. Wenn es gelingt, dass die Deutschen künftig mehr Obst und Gemüse essen, so wird sich das in der Sterbestatistik der Bundesrepublik niederschlagen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat 2007 in ihrer Stellungnahme zu Obst und Gemüse auf diese Zusammenhänge bereits hingewiesen. Die Ergebnisse der EPIC-Studie liefern weitere begründete Argumente, einen möglichst hohen Verzehr von Obst und Gemüse zu empfehlen.

Autor

Professor Dr. med. Heiner Boeing ist Leiter der Abteilung Epidemiologie am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. Er ist maßgeblich an der europaweiten EPIC-Studie beteiligt, die die Auswirkungen der Ernährung auf die Gesundheit zum Inhalt hat.

Dieser Beitrag erschien im DRUCKPUNKT – Zeitschrift für Prävention und Behandlung des Bluthochdrucks und seiner Folgen – Ausgabe 02/2011. Sie können die Ausgabe hier kostenlos als PDF-Datei herunterladen oder als gedrucktes Heft in unserem Online-Shop erwerben.

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