Digitale Unterstützung der Hypertoniebehandlung07.08.2018, 14:39 | Betroffene und Laien [+]

Foto: © everythingpossible/123RF

Der Deutsche Ärztetag hat das Fernbehandlungsverbot gelockert. Wird sich die Behandlung von Hypertonikern nun verbessern?

Die Rede von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auf dem Hauptstadtkongress wurde kürzlich mit der Schlagzeile kommentiert „Digitalisierung ist Chefsache geworden“. Wird sich die Behandlung von Hypertonikern nun verbessern? Ist jetzt auch eine Fernbehandlung außerhalb der Arztpraxis möglich? Welche Möglichkeiten gibt es, ein digitales Blutdrucktagebuch zu führen, es mit dem Arzt zu teilen bzw. sich dabei telemedizinisch überwachen zu lassen? Diesen Fragen wollen wir nachfolgend nachgehen.

Lockerung des Fernbehandlungsverbots

Der Deutsche Ärztetag lockerte im Mai das Fernbehandlungsverbot. Die ärztliche Berufspraxis erlaubte bisher bereits die telemedizinische Behandlung nach einer persönlichen Untersuchung. Sofern die erforderliche ärztliche Sorgfalt gewahrt bleibt und es ärztlich vertretbar ist, dürfen Ärzte zukünftig auch ausschließlich über Kommunikationsmedien beraten bzw. behandeln, ohne den Patienten vorher gesehen zu haben.

Dieser Schritt wird auch von der Deutschen Hochdruckliga begrüßt. Prof. Dr. med. Martin Middeke, München, Sprecher der Kommission Telemedizin und E-Health, betonte in einer Pressemeldung der Liga zur Lockerung des Verbots: „Die Therapietreue lässt bekanntermaßen zwischen zwei Arztbesuchen nach, was den Behandlungserfolg gefährdet. Verordnete Medikamente werden gar nicht erst eingenommen oder vorzeitig wegen Nebenwirkungen oder angeblicher Wirkungslosigkeit abgesetzt.“

An diesem Punkt könnte die Telemedizin ansetzen. Studien haben bereits ausreichend gezeigt, dass telemedizinische Methoden bei diesen Patienten sogar effektiver sind als der Gang in die Praxis. Telemedizin kann und soll die Präsenzmedizin jedoch nach Meinung der Hochdruckliga nicht ersetzen. Im Mittelpunkt einer Hypertoniebehandlung muss der persönliche Dialog zwischen Arzt und Patienten stehen. Dennoch stellt der kluge Einsatz digitaler Hilfsmittel zweifellos eine große Chance bei der Behandlung des Bluthochdrucks dar. Der Therapieerfolg wird dadurch nachhaltig gesteigert. Zudem ist es unwirtschaftlich, die Patienten wöchentlich oder gar mehrmals pro Woche für ein Kurzgespräch in die Praxis einzubestellen. Digital sind solche „Zwischenvisiten“ aber gut machbar. Das Arzt-Patientenverhältnis wird gestärkt. Der Arzt kann die Therapietreue erfragen bzw. zu Lebensstilmaßnahmen motivieren und direkt die medikamentöse Therapie anpassen. Der Patient fühlt sich besser betreut und „sicherer“.

Derzeit findet Telemedizin nur innerhalb von Modellprojekten, aber nicht im realen Praxisalltag in der Regelversorgung und ohne angemessene Honorierung statt. Die Krankenkassen zögern und haben offenbar Angst vor einer Leistungsausweitung. Im Digitalzeitalter ist das ein Unding. „Unser Ziel muss es sein, bei Bedarf ‚sprechende Medizin‘ durch Telemedizin sinnvoll zu ergänzen“, so Prof. Dr. med. Bernhard Krämer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga. Noch fehlt der Gestaltungswille, die gesetzliche Regelversorgung hierfür öffnen zu wollen.

Vor fast 25 Jahren wurde auf Initiative der Deutschen Hochdruckliga die Langzeitblutdruckmessung als Regelleistung und Goldstandard für die ärztliche Blutdruckmessung von den gesetzlichen Krankenkassen anerkannt. Nach Auffassung der Liga bedarf es dringend einer neuen qualitätsgesicherten Aktion für eine vergleichbare Innovation. Vor allem bei schwer einstellbarer Hypertonie, aber auch zum Ausschluss einer antihypertensiven Übertherapie und zur Diagnosesicherung bietet sich eine telemedizinische Blutdrucküberwachung an.

Im Mittelpunkt des Angebots stehen Patient und Arzt. Der Patient misst dabei zu Hause seinen Blutdruck. Idealerweise werden seine Vitaldaten geschützt in die digitale Patientenakte der Arztpraxis oder des Krankenhauses übermittelt und können dort von seinem behandelnden Arzt eingesehen werden. Er kann dabei an ausbleibende Messungen erinnert, bei guten Werten motiviert werden, „dran zu bleiben“. Bei Bedarf wird die Medikation geändert bzw. bei Blutdruckentgleisungen nach oben und unten zeitnah eingeschritten. Hier stehen bereits funktionsfähige Lösungen bereit, deren Wirksamkeit nachgewiesen wurde. Eine regelhafte Vergütung durch gesetzliche Krankenkassen ist derzeit aber noch nicht vorgesehen. Bisher bezahlen diese Leistungen nur private Krankenkassen. Die Behandlung könnte dabei durch den Hausarzt oder Gynäkologen bei Schwangerschaftshypertonie erfolgen. Hypertensiologen DHL® werden bei Bedarf eingebunden. Vermeidbare Krankenhauseinweisungen könnten verhindert und die Blutdruckeinstellung insbesondere von schwer einstellbaren Hypertonikern und Risikopatienten verbessert werden.

Nicht immer ist eine telemedizinische Überwachung erforderlich. Zunehmende Bedeutung erhält das digitale Blutdrucktagebuch zur Verbesserung der Therapietreue. Derzeit hat aber noch nicht einmal jedes zehnte verkaufte Endverbraucher- Blutdruckmessgerät eine digitale Schnittstelle.

Die derzeitigen Lösungen der Gerätehersteller sehen vor allem die Datenübermittlung des graphischen Tagebuches oder der unbearbeiteten Messdaten per E-Mail vor. Da die Kommunikation via E-Mail oder SMS unverschlüsselt erfolgt, gilt diese Übertragungsform als unsicher. Auch WhatsApp ist trotz Verschlüsselung unsicher, da der Anbieter die europäischen Datenschutznormen nicht beachtet. Dem Arzt bleiben daher diese Kommunikationswege verwehrt, wenn Sie auch vom Patienten bevorzugt werden. Patienten dürfen daher nicht enttäuscht sein, wenn der Arzt solche Übermittlungswege ablehnt bzw. nicht aktiv anbietet. Eine sichere Vitaldatenübertragung an den Arzt könnte und sollte über die neuen elektronischen Gesundheitsakten der Krankenkassen erfolgen, soweit sich nicht eine telemedizinische Überwachung empfiehlt. Entsprechende Funktionalitäten wurden durch die Krankenkassen angekündigt.

Bessere Versorgung durch Blutdruckdaten-Speicherung in der Gesundheitsakte?

Seitens einiger Krankenkassen sind inzwischen elektronische Gesundheitsakten (testweise) im Einsatz. Die seit Ende Mai geltende Datenschutzgrundverordnung manifestiert einen Patientenanspruch auf Übermittlung seiner Behandlungsdaten im maschinenlesbaren Format. Das hat die Entwicklung der Gesundheitsakten begünstigt. Die Idee ist, dass der Versicherte seine Daten mit Ärzten seines Vertrauens teilen kann. Der Arzt übernimmt dann die relevanten Daten bei Bedarf in sein Praxisverwaltungssystem.

Die Techniker Krankenkasse bietet ihren Mitgliedern derzeit eine zusammen mit IBM entwickelte Betafassung einer elektronischen Gesundheitsakte (TK-Safe) an. Vivy ist ein anderes, unter anderem von der DAK und Allianz vorgestelltes Projekt. Auch die AOK testet bereits in bestimmten Regionen eine Gesundheitsakte. Es gibt bereits auch unabhängige Gesundheitsakten-Anbieter. Die Gesundheitsakten könnten auch die selbst gemessenen Vitaldaten aufnehmen. Vivy nutzt hierfür derzeit zum Beispiel Apple-Health. Problematisch hierbei ist, dass Apple sich nicht den europäischen Datenschutzvorgaben unterwirft. Nicht alle Gerätehersteller bedienen zudem diese Apple-Schnittstelle.

Die Mehrzahl der Smartphones basiert auf Android. Die Gesundheitsaktenanbieter sollten eine datenschutzkonforme Möglichkeit vorsehen, Vitaldaten in die Gesundheitsakte zu laden. Gerätehersteller und Gesundheitsaktenanbieter müssten sich hierzu nur absprechen. Die Krankenkassen sollten die Vitaldatenspeicherung wie angekündigt auch in ihren Gesundheitsakten verankern. Die TK-Safe Betafassung sieht das derzeit noch nicht vor.

Digitalisierung jetzt Chefsache?

Anfang Juni hat sich der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auf dem Hauptstadtkongress positioniert. Er wies in seiner Eröffnungsrede auf den unaufhaltsamen Vormarsch digitaler Lösungen hin. „Die Angebote sind da oder kommen: Amazon, Google, Dr. Ed“. Spahn fügte hinzu: „Es ist die Frage: Gestalten wir das oder kommt das von außen?“ Für den Herbst hat Jens Spahn einen Masterplan und Gesetzesvorschläge zur Bewältigung der anstehenden digitalen Herausforderungen für die Krankenversorgung geplant. Die Versorgung in ländlichen Gebieten, eine Reform des Medikationsplans sowie eine sichere und vertrauenswürdige IT-Infrastruktur sind bereits erklärte Schwerpunkte, ebenso das Teilen von Gesundheitsdaten für Forschungszwecke.

Vor 13 Jahren wurde seitens der Spitzenorganisationen des deutschen Gesundheitswesens die Gematik gegründet. Die Vorgabe hierzu kam zwei Jahre zuvor 2003 von der Politik. Das Ziel lautete damals, eine elektronische Gesundheitskarte (eGK) und Notfalldatenmanagement samt der dazugehörigen Informations-, Kommunikations- und Sicherheitsinfrastruktur (Telematikinfrastruktur) für eine digitale und sichere Vernetzung im Gesundheitswesen bereitzustellen.

Beginnen wollte man bereits 2006 mit der kreditkartengroßen eGK. Reumütig erklären inzwischen damalige Entscheider, wir haben uns verhoben und verschätzt. Milliarden wurden zwischenzeitlich aufgewandt. Die Gematik betont inzwischen, die Infrastruktur würde jetzt im Wesentlichen stehen, jetzt fehlen nur noch die dazugehörigen Anwendungen. Der Austausch soll über sogenannte Konnektoren erfolgen. Diese stehen aber noch nicht flächendeckend zur Verfügung. Von dem im E-Health Gesetz 2016 verordneten Regelbetrieb sind wir noch weit entfernt. Die Abspeicherung der Notfalldaten auf der eGK ist als nächstes dann zu lösen. Von „sektorenübergreifenden“ Telemedizinprojekten sind wir aber noch weit entfernt. Problematisch ist auch, dass es an schnellen Internetverbindungen mangelt, das mahnt inzwischen sogar der europäische Rechnungshof an. Es bleibt spannend, welche Antworten das Ministerium auf die Global Player hat, wo ein Regulierungsbedarf gesehen wird und welche Finanzierungsmöglichkeiten endlich geschaffen werden.

Elektronische Patienten- oder Gesundheitsakte: Welches System setzt sich durch?

Bereits verhalten wird seitens einzelner Krankenkassenvertreter die Zukunft der Gematik angezweifelt. Die Politik verspricht hier nachzubessern. De facto präsentieren die Krankenkassen mit der Gesundheitsakte den zeitgemäßen Gegenentwurf zum überholten Gematik-Konzept. Doch wo genau liegen jetzt die Vor- und Nachteile der beiden Konzepte? Welches Konzept brauchen wir?

Bei der elektronischen Gesundheitsakte hat der Patient die alleinige Verfügungsgewalt über seine Akte und seine Daten. Er kann Befunde und Behandlungsdaten vom Arzt einfordern bzw. eigene Vitaldaten abspeichern. Die Krankenkassen werden die Behandlungshistorie und abrechnungsrelevante Daten einspielen. Er entscheidet, was er mit wem bzw. welchem Arzt teilt. Der behandelnde Arzt kann sich deshalb nicht darauf verlassen, ob er alles zu sehen bekommt oder ob alle relevanten Diagnosen abgespeichert wurden. Das kann zu falschen medizinischen Schlussfolgerungen führen. Schnell werden hier ganz viele Informationen zusammen kommen. Das kann überfordern und zur Entscheidungsunfähigkeit beitragen. Vor lauter Einzelheiten wird das Ganze übersehen. Das stellt den behandelnden Arzt vor neue Herausforderungen.

Die Patientenakte hingegen wird vom Arzt geführt. Sie dient zur Beweissicherung einer ordnungsgemäßen Behandlung. Der Arzt ist gesetzlich zur Datensparsamkeit verpflichtet. Daher finden sich in der Patientenakte nur die nötigsten Untersuchungen. Der Patient hat Einsichtsrecht in seine Patientenakte. Die Gematik soll sicherstellen, dass für jeden Patienten behandlungsunabhängig eine zentrale Patientenakte geführt wird. Der einzige Zugang zur Gematik erfolgt derzeit ausschließlich durch die kreditkartengroße eGK. Der Patient muss hierzu im Arztzimmer sitzen. Letztendlich entscheidet aber auch hier der Patient, welchem Arzt er auf welche Aktenbereiche (Medikationsplan, Befunde, …) Zugriff erteilt bzw. genau genommen muss er seinen behandelnden Arzt jeweils im Einzelfall bevollmächtigen, dass dieser die relevanten Informationen an andere Ärzte weiterleiten darf.

Autor: Mark Grabfelder, Geschäftsführer Deutsche Hochdruckliga e.V.

Zurück

Seitenanfang  |  Autor: Redaktion