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Für Mediziner

Wenn ich mich recht „erinnere“: Bluthochdruck schadet dem Gedächtnis

Bereits erhöhter Blutdruck ist mit (vaskulärer) Demenz assoziiert

Die aktuelle ESC-Blutdruckklassifizierung ermöglicht eine effektive Einstufung des Demenzrisikos – vor allem bei Erwachsenen mittleren Alters und bei Frauen.

In den aktuellen Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) von 2024 wurde der Begriff „erhöhter Blutdruck“ [systolischer Blutdruck (SBP) 120-139 mmHg oder diastolischer Blutdruck (DBP) 70-89 mmHg] als neue Kategorie eingeführt. Das mit dieser Neuklassifizierung verbundene Demenzrisiko bleibt zu klären.

Das Demenzrisiko wurde basierend auf einer landesweiten koreanischen Kohorte von 2,8 Millionen Erwachsenen im Alter von ≥ 40 Jahren analysiert, die sich im Jahr 2009 einer Gesundheitsvorsorgeuntersuchung unterzogen hatten. Teilnehmer mit vorbestehender Demenz oder einer innerhalb eines Jahres nach Kohorteneintritt diagnostizierten Demenz wurden ausgeschlossen. Der Blutdruck wurde gemäß den ESC-Leitlinie als nicht-erhöht (<120/<70 mmHg), erhöht (120/70–139/89 mmHg) oder als Hypertonie (≥140/90 mmHg) klassifiziert. Neu auftretende Demenz – einschließlich Alzheimer-Demenz, vaskulärer Demenz und Demenz jeglicher Ursache – wurde bis 2018 nachverfolgt. Zur Schätzung der adjustierten Hazard-Ratios (aHRs) wurden Cox-Proportional-Hazards-Modelle verwendet.

Während der mittleren Nachbeobachtungszeit von 8,1 Jahren traten 121.223 Demenzfälle auf. Im Vergleich zur Gruppe mit normalem Blutdruck war das Demenzrisiko in der Gruppe mit erhöhtem Blutdruck leicht erhöht (aHR 1,016; 95 %-Konfidenzintervall [KI] 0,996–1,037) und in der Gruppe mit Bluthochdruck signifikant höher (aHR 1,029; 95 %-KI 1,006–1,051). Die Zusammenhänge waren insbesondere bei vaskulärer Demenz (erhöhter Blutdruck: aHR 1,159; 95 %-KI 1,09–1,232; Hypertonie: aHR 1,372; 95 %-KI 1,284–1,465) ausgeprägt, während sie bei Alzheimer-Demenz nicht signifikant waren. Diese Zusammenhänge waren bei Erwachsenen mittleren Alters und bei Frauen stärker ausgeprägt. Die Alzheimer-Demenz unterscheidet sich von der vaskulären Demenz vor allem in ihrer Ursache: Während bei der Alzheimer-Demenz krankhafte Veränderungen im Gehirn zugrunde liegen, wird die vaskuläre Demenz durch Durchblutungsstörungen im Gehirn verursacht.

Laut dem Autorenteam belegen die Daten auf Grundlage der ESC-Blutdruckklassifikation von 2024 eine Assoziation zwischen erhöhtem Blutdruck beziehungsweise Bluthochdruck und einem erhöhten Demenzrisiko, insbesondere für vaskuläre Demenz. Diese Ergebnisse untermauern die klinische Relevanz der ESC-Klassifikation und identifizieren Erwachsene im mittleren Lebensalter sowie Frauen als potenzielle vorrangige Zielgruppen für eine frühzeitige Blutdruckbehandlung zur Erhaltung der kognitiven Gesundheit.

Jung YH et al, Eur Heart J 2026;47:1688–1698: Dementia risk across blood pressure categories: a South Korean nationwide study | European Heart Journal | Oxford Academic

Kurz kommentiert

Blutdruck ist ein Kontinuum und das Risiko für blutdruckbedingte Organschäden ist proportional zu den absoluten Werten. Um diesem Umstand gerecht zu werden, beinhalten die ESC-Leitlinien von 2024 nun auch den Begriff „erhöhter Blutdruck“ (BP 120–139/70–89 mmHg). Diese Grenzwerte werden durch epidemiologische Erhebungen hinsichtlich kardiovaskulärer Ereignisse untermauert. Demgegenüber ist die Evidenzlage für kognitive Beeinträchtigungen nicht ganz so überzeugend. In einer südkoreanischen Bevölkerungsstudie (N = 2,8 Millionen) zeigte sich ein eindeutiger Risikogradient über die Kategorien der ESC-Blutdruckklassifikation hinweg. Dieser ging mit klinisch relevanten Hazard Ratios (HR) einher und ermöglicht eine differenzierte Einstufung des Demenzrisikos, insbesondere bei Frauen. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede sind noch nicht vollständig geklärt, aber frühere Untersuchungen haben bereits ergeben, dass Bluthochdruck bei Frauen möglicherweise einen stärkeren Zusammenhang mit Neurodegeneration aufweist als bei Männern. Östrogen könnte durch Hemmung der Gefäßverengung eine schützende Rolle eine Rolle spielen. Der Rückgang des Östrogenspiegels nach der Menopause kann die Anfälligkeit sowohl für Bluthochdruck als auch für dadurch verursachte zerebrale Gefäßschäden erhöhen.

Erwähnenswert ist, dass der Blutdruck bei Patienten mit Demenz zum Zeitpunkt der Diagnose oft normal ist. Ein zuvor (oft über Jahrzehnte hinweg) bestehender Bluthochdruck ist jedoch ein Risikofaktor für Demenz. In der aktuellen Erhebung wurde die gesamte Geschichte des Bluthochdrucks, insbesondere im Hinblick auf die Behandlung, nicht vollständig erfasst, sodass die Autoren zusätzliche stratifizierte (Sensitivitäts-)Analysen durchführten. Diese sind konsistent und untermauern somit die Hauptergebnisse. Zu beachten ist auch, dass klassische randomisierte kontrollierte Studien aufgrund der langen Zeitspanne zwischen der Blutdruckbelastung und dem Auftreten einer Demenz sowie des relativ geringen absoluten Risikos, das eine langfristige Nachbeobachtung und große Studienpopulationen erfordert, letztendlich wohl nie durchführbar sein werden.

Es bleiben jedoch interessante Fragen offen, ob ggfs. neben einer frühzeitigen Behandlung (Senkung der Blutdruckbelastung über die gesamte Lebensspanne), bestimmte Medikamente (u.a. auch nicht-blutdrucksenkende) das Risiko einer schweren kognitiven Beeinträchtigung weiter senken würden.

Ihr Prof. Dr. Christian Ott
Vorstandsmitglied der Deutschen Hochdruckliga
FAU Erlangen-Nürnberg