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Von nichts kommt nichts

Kardiovaskulären Erkrankungen gehen fast immer Risikofaktoren voraus

Seoul. In den letzten Jahrzehnten ist die Bedeutung kardiovaskulärer Risikofaktoren immer stärker ins Bewusstsein gerückt. Auf der anderen Seite mehren sich Daten zu kardialen Leiden ohne jegliche Vorboten. Ein genauerer Blick zeigt nun: In 99Prozent der Fälle liegt sehr wohl ein Risikofaktor vor – allen voran ein nicht optimaler Blutdruck.

Jüngere Untersuchungen zur Koronaren Herzkrankheit (KHK) berichten über eine große und wachsende Zahl von Betroffenen ohne jegliche Vorbelastung. In einem Review und einer Metaanalyse heißt es z.B., dass mehr als 11% und bis zu 27% der Patientinnen und Patienten mit akutem Koronarsyndrom keinen der vier klassischen Risikofaktoren (Hypertonie, Hypercholesterinämie, Diabetes, Rauchen) aufweisen. 

Allerdings machten die meisten der dort berücksichtigten Studien die Risiken anhand einer klinischen Diagnose fest und nicht im Rahmen wiederholter Screenings, erklärt ein Team um Dr. Hokyou Lee vom Yonsei University College of Medicine in Seoul. Es sei wahrscheinlich, dass Veränderungen im Verlauf übersehen wurden oder eine kumulative subklinische Exposition die Herzgefahr erhöhte.

Um eine optimale Prävention zu gewährleisten, halten die Forschenden es für essenziell, vorbestehende Risiken beziffern zu können. Das gilt auch im Hinblick auf den Anstieg anderer kardiovaskulärer Erkrankungen wie Herzinsuffizienz und Schlaganfall. Dr. Lee und sein Team schauten sich daher zwei populationsbasierte prospektive Kohorten genauer an, in denen die vier traditionellen Risikofaktoren longitudinal erfasst worden waren. Der Korean National Health Insurance Service (KNHIS) lieferte Daten zu 9.431.100 Teilnehmenden, die Multi-Ethnic Study of Atherosclerosis (MESA) umfasste 6.803 Personen.

Die Arbeitsgruppe untersuchte, wie häufig vor dem Auftreten einer KHK, eines Schlaganfalls oder einer Herzinsuffizienz einer oder mehrere der bekannten Faktoren in nichtoptimaler Einstellung vorlagen. Bei der Definition von „nichtoptimal“ orientierte sie sich am Konzept der idealen kardiovaskulären Gesundheit der American Heart Association. Dieses Konzept berücksichtigt, dass die diagnostischen Grenzwerte im klinischen Alltag für eine optimale Risikokonstellation offenbar nicht ausreichen. Als kritisch galten demnach:

  • Blutdruck ≥ 120 mmHg systolisch oder ≥ 80 mmHg diastolisch oder antihypertensive Therapie
  • Gesamtcholesterin ≥ 200 mg/dl oder lipidsenkende Medikation
  • Nüchtern-Blutzucker ≥ 100 mg/dl oder manifester Diabetes bzw. antidiabetische Therapie
  • früheres oder anhaltendes Rauchen

Aus KNHIS kamen 601.025 kardiovaskuläre Ereignisse zur Auswertung, aus MESA 1.188. Vor einer diagnostizierten KHK lag die Prävalenz von mindestens einem nichtoptimal eingestellten Risikofaktor bei 99,7 % (KHNIS) bzw. 99,6 % (MESA). Bezüglich Herzinsuffizienz und Schlaganfall sah es ähnlich aus (99,4 % und 99,5 % bzw. 99,3 % und 99,5 %). Am häufigsten war der Blutdruck betroffen, gefolgt vom Cholesterinspiegel. In der Regel lagen vor den Herz-Kreislauf-Erkrankungen bereits mindestens zwei Risikofaktoren vor (93,2% bzw. 97,2 %).

Den Forschenden zufolge stellen diese Ergebnisse nicht nur die These in Frage, wonach viele vorab unbelastete Menschen an einer KHK erkranken, sondern belegen auch, dass bei der Mehrzahl anderer kardiovaskulärer Ereignisse klassische Risikofaktoren vorliegen. Das unterstreiche die Bedeutung präventiver Maßnahmen. (abr)

Lee H et al. J Am Coll Cardiol 2025; 86: 1017-1029; doi: 10.1016/j.jacc.2025.07.014

Kurz kommentiert

Die zerebrale Hämorrhagie, an der Präsident Franklin D. Roosevelt 1882 verstarb, „came out of clear sky“, wie der persönliche Arzt des Präsidenten behauptete. Bei bekannten Risikofaktoren (zum Beispiel Rauchen) und wiederholt dokumentierten exzessiv erhöhten Blutruckwerten ist dies selbstverständlich nicht der Fall, aber auch auf die damalige Einordnung zurückzuführen: „…the hypertension may be an important compensatory mechanism which should not be tampered with, even were it certain that we could control it“. In letzter Zeit wurde jedoch wiederholt postuliert – auch durch eine Übersichtsarbeit und eine Metaanalyse –, dass der Anteil von Patienten, die ein kardiovaskuläres Ereignis erleiden, ohne einen der vier standardmäßigen modifizierbaren kardiovaskulären Risikofaktoren (SMuRFs) zunimmt. Dies konnte nun eindrucksvoll durch die vorliegende Arbeit widerlegt werden. Die Ergebnisse waren zudem nach Geschlecht und über alle Altersgruppen hinweg konsistent. Die klassischen kardiovaskulären Risikofaktoren haben auch unterhalb der jeweiligen klinischen Diagnose-Grenzwerte einen kontinuierlichen, dosisabhängigen und kumulativen Einfluss auf das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 

Nicht neu ist daher der Ruf zu einem Paradigmenwechsel: von einer ausschließlichen Fokussierung auf die Behandlung von Krankheiten hin zu einem Präventivansatz, der die aktive Gesundheitsförderung und -erhaltung über den gesamten Lebensverlauf bei Bevölkerungsgruppen und Einzelpersonen einbezieht. Hier ist nicht nur ärztliches, sondern auch gesundheitspolitisches bzw. gesamtbevölkerungsweites Handeln gefordert. Wie im Titel erwähnt „von nichts kommt nichts“, aber Studien haben auch gezeigt, dass „es nie zu spät ist“, von einer Optimierung zu profitieren. Je früher die Verbesserung erfolgt, desto besser sind die Ergebnisse.

Ihr Prof. Dr. Christian Ott
Vorstandsmitglied der Deutschen Hochdruckliga
Klinikum Nürnberg