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Für Mediziner

Unterm Strich steigt die temperaturbedingte Mortalität

Weniger „Kältetote“ durch Klimawandel wiegen das Plus an „Hitzetoten“ nicht auf

London. Selbst im günstigen Klimaszenario könnte es bis zum Ende des Jahrhunderts zu mehr temperaturbedingten Todesfällen in Europa kommen. Es gibt jedoch deutliche regionale Unterschiede und auch Anpassungsstrategien spielen eine wichtige Rolle. Das belegt eine umfangreiche Prognose für 854 Städte.

Sehr niedrige Temperaturen sind mit einer höheren Mortalitätslast verbunden als sehr hohe. Schätzungen zufolge steht ein hitzebedingter Todesfall etwa zehn kältebedingten gegenüber. Die Vermutung liegt nahe, dass die temperaturbedingte Sterblichkeit in Europa mit dem Klimawandel insgesamt sinken könnte. Ob dem so ist, hat eine Arbeitsgruppe um Dr. Pierre Masselot von der London School of Hygiene and Tropical Medicine für drei Klimaszenarien untersucht.

Für die Modellierung wurden die sogenannten SSP-Szenarien aus dem Sachstandsbericht des Weltklimarats herangezogen. Diese „shared socioeconomic pathways“ (gemeinsame sozioökonomische Pfade) beschreiben unterschiedliche Entwicklungen unserer Gesellschaft:

  • Im nachhaltigen Weg (SSP1-2.6) orientiert sich der Konsum an einem geringen Material- und Energieverbrauch. Maßnahmen zur Abschwächung des Klimawandels sowie zur Adaptation werden gefördert.
  • Im mittleren Weg (SSP2-4.5) bleiben aktuelle Ungleichheiten in Europa bestehen und die Begrenzung von Treibhausgasemissionen und Temperaturanstieg schreitet nur langsam voran.
  • Im Rivalitäten-Weg (SSP3-7.0) rücken globale Themen durch regionale Konflikte und zunehmenden Nationalismus in den Hintergrund. Es gibt nur wenig oder keine Bemühungen gegen den Klimawandel.

Neben den Entwicklungspfaden beeinflusst das Adaptationsvermögen einer Bevölkerung das hitzebedingte Risiko. Die Anpassungsfähigkeit wiederum hängt u. a. ab von demografischen Strukturen, Durchschnittstemperatur, Gesundheitsversorgung und Gebäudeklimatisierung. Die Forschenden versuchten, all diese Aspekte zu berücksichtigen und ermittelten den Nettoeffekt auf die temperaturbedingte Mortalität in 854 europäischen Städten für den Zeitraum 2015–2099.

Den Berechnungen zufolge käme es ohne jedwede Adaptation in allen Klimaszenarien zu einer Übersterblichkeit in Gesamteuropa, d. h. der Rückgang an kältebedingten Todesfällen würde die Zunahme an hitzebedingten nicht aufwiegen. Im extremen Szenario SSP3-7.0 ließen sich bis zum Ende des Jahrhunderts mehr als 2,3 Millionen Todesfälle auf den Klimawandel zurückführen. In den Szenarien SSP1-2.6 und SSP2-4.5 würde die Exzessmortalität ungefähr 617.000 bzw. 636.000 Personen betreffen.

Eine Adaptation auf Bevölkerungsebene kann diesen Nettoeffekt nicht immer umkehren, zeigt die Modellierung. In allen Entwicklungspfaden senkte ein um 10 % geringeres hitzebedingtes Mortalitätsrisiko die Übersterblichkeit kaum. Eine stärke Anpassung im Sinne einer 50%igen Risikoreduktion bewirkte einen Rückgang der temperaturbedingten Sterblichkeit auf dem „nachhaltigen“ und „mittleren“ Weg – insbesondere in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Im SSP3-7.0-Szenario bräuchte es eine fast vollständige Abschwächung des hitzebedingten Risikos (um 90 %), um eine Wende zu schaffen. Dies hält das Autorenteam allerdings für unrealistisch.

Auf regionaler Ebene ergaben sich in der Studie deutliche Unterschiede, was die temperaturbedingte Mortalität angeht. Während in nordeuropäischen Ländern tatsächlich ein leichter Rückgang der Todesfälle möglich wäre, scheinen die Mittelmeerregion und Osteuropa besonders vulnerabel zu sein. Zudem könnte Süddeutschland zusammen mit der Schweiz, Österreich und Polen zu einem zentraleuropäischen Hotspot der Übersterblichkeit werden.

Den Forschenden zufolge unterstreicht ihre Analyse die potenziellen Vorteile, die strikte Regeln zur Reduktion von Treibhausgasen mit sich bringen. Ebenso wichtig für die Gesundheit seien Anpassungsmaßnahmen vor allem in hitzegefährdeten Ländern und Bevölkerungsgruppen.                                                                            

Masselot P et al. Nature Medicine 2025; 31: 1294-1302; doi: 10.1038/s41591-024-03452-2

Kommentar

Retrospektive Analysen der gesundheitlichen Auswirkungen von „Temperatur“ in Europa haben bereits gezeigt, dass die Sterblichkeitsbelastung durch Kälte größer ist als die durch Hitze. Dies traf auch auf Deutschland zwischen 1991 und 2020 zu, mit einem Verhältnis von etwa 5:1. Die Zukunft der Beziehung zwischen Temperatur und Sterblichkeit wurde nun, unter verschiedenen Annahmen u.a. der Temperaturentwicklung, bis zum Ende des Jahrhunderts modelliert. Demnach ist zwar ein Rückgang von kältebedingten Todesfällen zu erwarten. Die deutlichere Zunahme der hitzebedingten Todesfälle könnte auf Deutschland bezogen aber zu einem insgesamt knapp 40%igen Anstieg der temperaturbedingten Mortalität führen. Einschränkend sei erwähnt, dass das Autorenteam im Rahmen der Studie lediglich die hitze- und kältebezogene Sterblichkeit, nicht jedoch Erkrankungen und Verletzungen ohne tödliche Folgen untersuchte. Zudem basieren solche modellierten Vorhersagen auf Annahmen, sodass eine gewisse Unsicherheit der Prognosen anzunehmen ist.

Dennoch ist Hitze das größte durch den Klimawandel bedingte Gesundheitsrisiko in Deutschland. Die Deutsche Hochdruckliga e.V. DHL® ist Partner des Hitzeaktionstages. Hitzeschutz ist nicht nur ein Thema der Kommunen – interessanterweise setzt sich die Architekturbiennale 2025 in Venedig unter anderem mit dem Thema Hitze und deren Auswirkungen auf Städte auseinander –, sondern betrifft jeden Einzelnen. Vor allem Personengruppen mit erhöhtem Risiko wie ältere Menschen und Menschen mit chronischen Erkrankungen sind durch hohe Temperaturen gesundheitlich stark gefährdet.

Ihr Prof. Dr. Christian Ott
Vorstandsmitglied der Deutschen Hochdruckliga
Klinikum Nürnberg