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Mitfiebern bei der Fußball-WM kann Blutdruck und Herz belasten

Am 11. Juni 2026 beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko. Ein Ereignis, bei dem Millionen Fans im Stadion, vor dem Fernseher oder in Fan-Zonen mit ihrer Mannschaft mitfiebern. Gerade bei K.-o.-Spielen, späten Toren, Elfmeterschießen oder umstrittenen Schiedsrichterentscheidungen stellt sich mit Blick auf den Blutdruck und die Herzgesundheit die Frage: Kann dieses emotionale Mitfiebern messbare körperliche Reaktionen auslösen, den Blutdruck beeinflussen oder sogar akute kardiovaskuläre Ereignisse begünstigen?

Was sagt die Wissenschaft?

In einer 2013 publizierten Studie untersuchte ein Forschungsteam um den deutschen Kardiologen Prof. Dr. med Michael Reppel 13 gesunde deutsche Fußballfans während Live-Übertragungen von Finalspielen der WM 2010 mit und ohne Beteiligung der deutschen Nationalmannschaft. Dabei zeigte sich bei Spielen mit deutscher Beteiligung ein Anstieg des systolischen Blutdrucks um etwa 7 Prozent, konkret von etwa 118 auf 126 mmHg in der ersten Halbzeit sowie von 117 auf 125 mmHg in der zweiten Halbzeit. Gleichzeitig lag die Herzfrequenz während der Deutschlandspiele deutlich höher als bei Spielen ohne deutsche Beteiligung.

Auffällig war zudem, dass zentrale hämodynamische Parameter teilweise noch über die eigentliche Spielsituation hinaus erhöht blieben, was auf anhaltende kardiovaskuläre Effekte emotionalen Stresses hinweist.[1]

Trotz der geringen Fallzahl liefert die Studie einen plausiblen Hinweis darauf, dass emotionales Mitfiebern zu einer messbaren Aktivierung des Herz-Kreislauf-Systems führen kann.

Eine erst kürzlich veröffentlichte Fallstudie nutzt erstmals kontinuierliche Daten aus Wearables, um die physiologischen Reaktionen von Fußballfans zu erfassen. Dabei wurden Herzfrequenz- und Stressdaten von 229 Fußballfans rund um ein emotional bedeutsames DFB Pokalspiel analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass am Spieltag selbst die durchschnittliche Herzfrequenz bei 78,7 Schlägen pro Minute im Vergleich zu 70,9 an den Tagen vor dem Spiel lag. Das von den Smartwatches berechnete Stressniveau lag am Spieltag durchschnittlich um etwa 41 Prozent höher als an vergleichbaren Tagen ohne Spiel. Auffällig war, dass die Stressreaktion bereits Stunden vor dem Spiel begann, ihren Höhepunkt kurz vor dem Anpfiff erreichte und auch nach Spielende über mehrere Stunden erhöht blieb.

Zusätzlich zeigte sich, dass Kontextfaktoren die physiologische Reaktion deutlich beeinflussen: Zuschauer im Stadion wiesen im Mittel eine Herzfrequenz von 94,2 Schlägen pro Minute auf, während Zuschauer vor dem Fernseher bei etwa 79,4 Schlägen pro Minute lagen. Auch Alkoholkonsum war mit einer zusätzlichen Erhöhung der Herzfrequenz verbunden. 

Dennoch ist bei der Interpretation dieser Daten Vorsicht geboten: Die verwendeten Stresswerte basieren auf Smartwatch-Algorithmen und stellen lediglich ein indirektes Maß für Stress dar, das keine klinische Definition oder Messung ersetzt. Zudem lagen nur für einen Teil der Teilnehmenden ergänzende Angaben zu individueller Identifikation mit dem Spielgeschehen und persönlichen Kontextfaktoren vor, sodass nicht alle beobachteten Effekte eindeutig auf das Spiel selbst zurückgeführt werden können. Es handelt sich somit um alltagsnahe, aber nicht klinisch validierte Messdaten.[2]

Trotzdem liefern solche Studien wichtige Hinweise darauf, dass emotional bedeutsame Sportereignisse mit messbaren physiologischen Veränderungen einhergehen. In Kombination mit früheren Arbeiten, die direkte kardiovaskuläre Parameter untersuchten oder sogar eine Zunahme akuter kardiovaskulärer Ereignisse während großer Turniere zeigten, ergibt sich ein konsistentes Gesamtbild.

So berichteten Forschende um PD Dr. med. Ute Wilbert-Lampen im Rahmen der World Cup cardiovascular events study, dass während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland die Rate akuter kardiovaskulärer Ereignisse signifikant erhöht war. Besonders ausgeprägt war dieser Effekt an Tagen mit Spielen der deutschen Nationalmannschaft.

Im Raum München wurden während der Fußball WM 2006 4.279 akute kardiovaskuläre Ereignisse erfasst. An Tagen mit Spielen der deutschen Nationalmannschaft war die Rate kardialer Notfälle um den Faktor 2,66 erhöht im Vergleich zu Kontrollzeiträumen. Besonders betroffen waren Männer (3,26-fach erhöht) sowie Personen mit bekannter koronarer Herzerkrankung, bei denen sich das Risiko sogar um den Faktor 4,03 erhöhte.

Der zeitliche Zusammenhang war dabei eindeutig: Die höchste Ereignisrate wurde innerhalb der ersten zwei Stunden nach Spielbeginn beobachtet, mit einem Anstieg bereits in den Stunden vor dem Spiel. Dieses Muster entspricht einem möglichen Trigger-Mechanismus, bei dem akuter emotionaler Stress als Auslöser für kardiovaskuläre Ereignisse wirkt. Auffällig ist zudem, dass dieser Effekt nur bei Spielen mit deutscher Beteiligung auftrat, während Spiele ohne entsprechende emotionale Relevanz keinen Einfluss zeigten.[3]

Auch andere Untersuchungen bestätigen, dass emotionales Mitfiebern mit messbaren Herz-Kreislauf-Reaktionen einhergehen kann. Bereits 1991 untersuchten Forschende die Herz-Kreislauf-Reaktionen von zehn schottischen Fußballfans während eines Ligaspiels mittels ambulanter Blutdruckmessung. Dabei stieg der systolische Blutdruck im Durchschnitt von 134 auf 145 mmHg. Gleichzeitig erreichte die Herzfrequenz unmittelbar nach Toren der eigenen Mannschaft durchschnittlich 120 Schläge pro Minute.[4]

Darüber hinaus zeigen Studien, dass die Stärke dieser Reaktionen offenbar von der emotionalen Bedeutung des Sportereignisses abhängt. So fanden Forschende in einer US-amerikanischen Studie deutliche Unterschiede zwischen Zuschauern verschiedener Sportarten. Während bei American-Football-Fans Blutdruck und Herzfrequenz während spannender Spielsituationen anstiegen, waren die Veränderungen bei Baseballfans deutlich geringer.[5] 

Die meisten Untersuchungen zeigen somit übereinstimmend kurzfristige Veränderungen von Blutdruck, Herzfrequenz oder Stressparametern. Weniger eindeutig ist hingegen die Frage, ob diese kurzfristigen physiologischen Reaktionen tatsächlich zu mehr akuten Herz-Kreislauf-Ereignissen auf Bevölkerungsebene führen. So konnten bevölkerungsbasierte Analysen aus Polen keinen konsistenten Zusammenhang zwischen großen Fußballturnieren und einer erhöhten Rate von Herzinfarkten, Herzstillständen oder Herzrhythmusstörungen nachweisen. Die Autoren weisen darauf hin, dass die durch das Fußballschauen ausgelöste emotionale Belastung möglicherweise nicht ausreicht, um auf Bevölkerungsebene einen messbaren Anstieg akuter kardiovaskulärer Ereignisse auszulösen.[6]

Insgesamt sprechen die vorliegenden Daten dafür, dass emotional bedeutsame Sportereignisse durchaus zu messbaren Veränderungen von Blutdruck, Herzfrequenz und Stressreaktionen führen können. Ob daraus gesundheitlich relevante Folgen entstehen, scheint jedoch von weiteren Faktoren abzuhängen. 

Wie diese Ergebnisse aus kardiologischer Sicht einzuordnen sind, erläutert PD Dr. med. Jan Börgel (Chefarzt Klinik für Innere Medizin I, St. Barbara-Klinik, Hamm-Heessen):

Die wenigen Studien zu diesem Thema deuten darauf hin, dass das Mitfiebern mit „unserer Mannschaft“ bei spektakulären und emotionsgeladenen Massensportereignissen, wie der kommenden Fußballweltmeisterschaft, den Kreislauf herausfordern kann.  Emotional bedingte Blutdruckentgleisungen könnten dabei vielleicht sogar Herzinfarkte begünstigen. 

Es kann daher nützlich sein, seinen Blutdruck – und die Diagnose Hypertonie – zu kennen und richtig einzustellen, bevor man die Stadiontribüne besteigt. Der gut eingestellte Risikofaktor Bluthochdruck kann dann insbesondere den Fußballfans mit koronarer Herzerkrankung auch bei Gegentoren nicht mehr viel anhaben. 

Ein weiterer Lösungsansatz für die vielen emotional überwältigten „selbsternannten Nationaltrainer“ wäre die aktive Stressreduktion: die Entspannung durch Atmungsübungen wird neuerdings evidenzbasiert in Notaufnahmen zur Behandlung des Bluthochdrucknotfalls angewendet – erfolgreich!

Dies ist einer ganzen Stadionkurve im Falle einer Finalniederlage wohl nur schwer zu vermitteln. Nach medizinischer Datenlage wäre es aber der dort üblichen Methode, die Resilienz durch exzessiven Bierkonsum zu steigern, deutlich überlegen.

Quellen

[1] Reppel M, Franzen K, Bode F, et al. Central hemodynamics and arterial stiffness during the finals of the world cup soccer championship 2010. Int J Cardiol. 2013;166(3):627–632. doi:10.1016/j.ijcard.2011.11.096

[2] Adam T, Bauer J, Deutscher C, Fuchs C, Schamberger T, Winkelmann D. Measuring football fever through wearable technology. Sci Rep. 2026;16(1):3866. doi:10.1038/s41598-026-36182-1 

[3] Wilbert-Lampen U, Leistner D, Greven S, Pohl T, Sper S, Völker C, Güthlin D, Plasse A, Knez A, Küchenhoff H, Steinbeck G. Cardiovascular events during World Cup soccer. N Engl J Med. 2008;358(5):475–483. doi:10.1056/NEJMoa0707427

[4] Elder AT, Jyothinagaram SG, Padfield PL, Shaw TRD. Haemodynamic response in soccer spectators: is Scottish football exciting? BMJ. 1991;303(6817):1609–1610. doi:10.1136/bmj.303.6817.1609

[5] Zimmerman FH, Cuneo BF, Laughlin GA, et al. Safety of spectator sports: blood pressure and heart rate responses in baseball and football fans. J Clin Hypertens (Greenwich). 2010;12(10):794–798.
doi:10.1111/j.1751-7176.2010.00342.x

[6] Simon JE, Małek ŁA, Śliwczyński A, Śmigielski W, Korczak K, Drygas W. Football spectatorship and selected acute cardiovascular events: lack of a population-scale association in Poland. Kardiol Pol. 2020 Nov;78(11):1148-1155. doi:10.33963/KP.15606.