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Für Mediziner

PPI-Langzeiteinnahme und Hypertonierisiko

WHI-Analyse bei postmenopausalen Frauen

Buffalo – In den letzten Jahren wurde eine längerfristige Anwendung von Protonenpumpeninhibitoren (PPI) mit mehreren unerwünschten Ereignissen in Verbindung gebracht. In einer aktuellen Erhebung zeigte sich nun auch ein höheres Risiko für neu-diagnostizierte Hypertonie bei Frauen in den Wechseljahren.

PPI werden häufig zur Behandlung von Erkrankungen eingesetzt, die durch eine übermäßige Magensäureproduktion gekennzeichnet sind. Oftmals ist hierfür nur eine kurzzeitige Behandlung von wenigen Wochen notwendig. Bei der Regulierung des Blutdrucks spielt Stickstoffmonoxid (NO) eine Rolle.

Eine mögliche Assoziation zwischen Einnahme von PPI und neu-diagnostizierter arterieller Hypertonie wurde nun basierend auf Daten der WHI-OS (Women’s Health Initiative Observational Study) untersucht. In diese Analyse wurden insgesamt 64.720 Frauen eingeschlossen, bei denen keine Hypertonie bekannt war bzw. die keine antihypertensiven Medikamente einnahmen und u.a. ebenso frei von einer kardiovaskulären Erkrankung waren. Die Hypertonie-Inzidenz wurde im jährlichen Gesundheitsfragebogen erfasst, basierend auf der Selbstauskunft bezüglich einer neu begonnenen antihypertensiven Medikation.

Obwohl die Studie in den USA durchgeführt wurde, ist Ethnie (da >90% „non-Hispanic White“) kein Störfaktor bezüglich einer Übertragung der Ergebnisse auf die Situation in Deutschland. Knapp 29.000 Teilnehmerinnen entwickelten im Verlauf eine Hypertonie. In dieser Analyse war die Einnahme von PPI nach einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 8,7 Jahren (im vollständig adjustierten Modell) mit einem um 17 % höheren Risiko für Hypertonie verbunden als die Nicht-Einnahme (HR, 1,17 [95 % CI, 1,08–1,27]). Eine längere PPI-Einnahmedauer war signifikant mit einem zunehmend höheren Risiko für Hypertonie verbunden (HR, 1,13 (<1Jahr), 1,17 (1-3 Jahre), 1,28 (>3 Jahre); pTrend < 0,001). Frauen die neu PPI einnahmen, wiesen im Vergleich zu jenen, die keine einnahmen, innerhalb von 3 Jahren einen signifikanten Anstieg des (multivariabel adjustierten mittleren) systolischen Blutdrucks (+3,39 mmHg, p=0,049) auf. Die Veränderungen des systolischen Blutdrucks bei fortgesetzten und ehemaligen Nutzern waren dagegen nicht signifikant unterschiedlich.

Laut dem Autorenteam sollten die Indikation und die Dauer der PPI-Anwendung beachtet werden, um mögliche unerwünschte Ereignisse – hierzu zählt nun offenbar auch arterielle Hypertonie – zu vermeiden.

Soliman AI et al, J Am Heart Assoc. 2025;14:e040009. doi: 10.1161/JAHA.124.040009

Kurz kommentiert

Gemäß dem Arzneiverordnungsreport 2023 wurden in Deutschland rund 3,8 Milliarden Tagesdosen eines PPI verschrieben. In Anbetracht der Anzahl potentiell Betroffener sind die Ergebnisse, der wohl ersten prospektiven Untersuchung zur Einnahme von PPI und dem Auftreten von Bluthochdruck, beachtenswert. Anzumerken ist, dass die erhobenen Ergebnisse auch nach Adjustierung (einschließlich Familienanamnese bezüglich Hypertonie und bestehender Begleitmedikation wie NSAR, Steroide und ASS) bestehen blieben.

Ein u.a. postulierter Mechanismus, durch den PPI den Blutdruck beeinflussen könnten, umfasst die NO-Produktion: Zum einen auch kurzfristig(er) über den (exogenen) Nitrat-Nitrit-NO-Weg (der von der sauren Umgebung des Magens abhängt!), und zum anderen eher langfristiger (endogen) über die (endotheliale) NO-Synthase. Letzteres konnte auch mittels flussvermittelter Dilatation (FMD) in der bevölkerungsbasierten „Study of Health in Pomerania” (SHIP) gezeigt werden. Interessanterweise konnte in der aktuellen Studie auch eine Assoziation zwischen der Einnahmedauer von PPI und dem Risiko für Bluthochdruck dokumentiert werden. Ferner konnten Forschende des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) kürzlich zeigen, dass Protein-gebundenes Zink PPIs aktivieren kann – ganz ohne die Anwesenheit von Magensäure – und die Struktur und Funktion des angegriffenen Proteins stört. Die am stärksten angegriffenen Proteine spielen auch eine Rolle im Immunsystem, sodass in Anbetracht des Zusammenhangs zwischen Bluthochdruck und Inflammation hier ein weiterer Ansatz denkbar wäre.

Was kann man ggfs. von ärztlicher Seite aus einfach und schnell beitragen – zum einen „erfragen“, auch in Deutschland sind PPI seit längerem rezeptfrei erhältlich und werden oft ohne ärztliche Aufsicht eingenommen, und zum anderen „hinterfragen“, ob die Indikation einer PPI-Anwendung weiterhin gegeben ist.

Ihr Prof. Dr. Christian Ott
Vorstandsmitglied der Deutschen Hochdruckliga
Klinikum Nürnberg