In der aktuellen Studie wurde ein niedriger nächtlicher systolischer Blutdruck mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse bei Patienten mit Herzinsuffizienz in Verbindung gebracht. Können diese Ergebnisse dabei helfen, den Zielwert für den nächtlichen Blutdruck für die künftige Behandlung von Herzinsuffizienz festzulegen? „Nein!“
Ein erhöhter Blutdruck kann kardiale Veränderungen verursachen, die eine Herzinsuffizienz zur Folge haben können. Die Behandlung von Bluthochdruck bei Patienten mit Herzinsuffizienz ist jedoch auch deshalb erschwert, weil es keinen festgelegten optimalen Blutdruckzielwert für diese Patienten gibt.
Im Rahmen einer Studie wurde bei 366 stationären Patienten mit Herzinsuffizienz (ca. 30 % mit reduzierter Ejektionsfraktion) eine kontinuierliche nächtliche Abschätzung des systolischen Blutdrucks auf Basis der Pulslaufzeit durchgeführt. Die Patienten wurden hinsichtlich kardialer Ereignisse (Herzinsuffizienz-Hospitalisierungen oder kardialem Tod) jährlich nachbeobachtet.
Die Patienten wurden anhand ihres nächtlichen systolischen Blutdrucks, der über die Puls-Transitzeit ermittelt wurde, in Tertile unterteilt (höchstes Tertil: 136 mmHg, mittleres Tertil: 117 mmHg, niedrigstes Tertil: 110 mmHg). Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 1.084 Tagen war das Tertil mit niedrigstem nächtlichen systolischen Blutdruck auch nach Adjustierung für Alter, Geschlecht, Blutwerte, Medikation und Ejektionsfraktion mit einem erhöhten Risiko für kardiale Ereignisse (Hazard Ratio: 2,100 [95 % CI, 1,121–3,933]; p = 0,021) und Herzinsuffizienz-Hospitalisierungen (Hazard Ratio: 2,084 [95 % CI, 1,073–4,047]; p = 0,030) verbunden, verglichen mit dem Tertil mit dem höchsten systolischen Blutdruck. Im multivariaten Modell war eine Abnahme des auf der Pulslaufzeit basierenden systolischen Blutdrucks um 10 mmHg mit einer erhöhten Rate kardialer Ereignisse (Hazard Ratio: 1,224 [95 % CI: 1,051–1,428], p = 0,008) und Herzinsuffizienz-Hospitalisierungen (Hazard Ratio: 1,262 [95 % CI: 1,062–1,489], p = 0,007) verbunden.
Laut dem Autorenteam könnte der nächtliche, auf Pulslaufzeit basierte systolische Blutdruck bei Patienten mit Herzinsuffizienz nützlich sein und dazu beitragen, Patienten mit erhöhtem Risiko für Herzereignisse zu identifizieren.
Ohashi N et al, J Am Heart Assoc. 2025;14:e039917. DOI: 10.1161/JAHA.124.039917
Kurz kommentiert
Eine kürzlich durchgeführte Metaanalyse mit Daten von behandelten Hypertonikern konnte zeigen, dass der ambulante nächtliche Blutdruck nach entsprechender Adjustierung ein besserer Indikator für Herzinsuffizienz ist als der Blutdruck am Tag. Eine weitere Metaanalyse von Patienten mit Herzinsuffizienz hat ergeben, dass niedrigere und normale systolische Blutdruckwerte (unter 130, unter 120 bzw. unter 110 mmHg) tagsüber mit einem erhöhten Risiko für kardiale Ereignisse und Herzinsuffizienz-Hospitalisierungen assoziiert sein können. In der vorliegenden Studie wurde dies nun auch für erniedrigte nächtliche Blutdruckwerte gezeigt.
Es stellt sich die Frage, ob ein niedriger Blutdruck bei diesen Patienten den Schweregrad der Herzinsuffizienz oder eine „Nebenwirkung“ der bestehenden medikamentösen Therapie widerspiegelt. Diesbezüglich erfolgte zumindest eine Adjustierung bezüglich der Ejektionsfraktion und einer (leitliniengerechten) medikamentösen Therapie der Herzinsuffizienz. Zu berücksichtigen ist außerdem, dass in dieser Studie eine manschettenlose Methode zur Abschätzung des Blutdrucks auf Basis der Pulslaufzeit verwendet wurde. In einer früheren Untersuchung wurde eine insgesamt schlechte Korrelation dieser Methode mit einer Überschätzung des (vor allem) nächtlichen Blutdrucks im Vergleich zu einem validierten Referenzgerät dokumentiert. In den aktuellen europäischen Hypertonie-Leitlinien werden manschettenlose „Blutdruckschätzgeräte” nicht empfohlen. Somit bleiben Unklarheiten bei der Einordnung der Ergebnisse.
Ihr Prof. Dr. Christian Ott
Vorstandsmitglied der Deutschen Hochdruckliga
Klinikum Nürnberg