Aktuelles

Für Mediziner

Herzrisiko bei diastolischer Hypertonie senken

Effekte einer Blutdruckreduktion offenbar unabhängig vom Phänotyp

Oxford. Eine pharmakologische Senkung des systolischen Blutdrucks ist bei Personen mit isolierter diastolischer Hypertonie ebenso effektiv wie bei denjenigen mit erhöhten systolischen Werten. Sollten auch Patientinnen und Patienten mit IDH standardmäßig eine antihypertensive Therapie erhalten?

Nach wie vor wird darüber diskutiert, was eine medikamentöse antihypertensive Behandlung bei Personen mit erhöhtem diastolischem Blutdruck präventiv bringt. Die Datenlage für konkrete Empfehlungen ist dünn – nicht zuletzt, weil die isolierte diastolische Hypertonie (IDH) aufgrund der starken Korrelation von systolischem und diastolischem Blutdruck nur einen kleinen Teil der Patientinnen und Patienten betrifft. Forschende um Zeinab Bidel vom Nuffield Department of Women's & Reproductive Health, University of Oxford, nährten sich der Frage im Rahmen einer groß angelegten Metaanalyse. 

Die Arbeitsgruppe untersuchte anhand der gepoolten Daten aus 51 randomisierten Studien mit insgesamt mehr als 358.000 Teilnehmenden, inwieweit eine blutdrucksendende Therapie vor schwerwiegenden kardiovaskulären Ereignissen (MACE) schützt. Verglichen wurden IDH-Patientinnen und -Patienten mit denjenigen ohne diese Bluthochdruckform. 15.845 (4,4 %) Personen wiesen zu Beginn einen systolischen Wert <130 mmHg und einen diastolischen ≥ 80 mmHg auf und erfüllten somit die Kriterien einer IDH. Ihr mittlerer Blutdruck lag bei 123/84 mmHg und das mittlere Alter betrug 60,6 Jahre. Die Vergleichsgruppe hatte einen durchschnittlichen Blutdruck von 154/88 mmHg bei einem Durchschnittsalter von 65,2 Jahren.

Während des medianen Follow-ups von 4,2 Jahren senkte eine Reduktion des systolischen Blutdrucks um 5 mmHg das relative MACE-Risiko in der IDH-Gruppe ebenso deutlich wie in der Vergleichsgruppe (Hazard Ratio 0,91 bzw. 0,90). Unter den Personen mit einem systolischen Ausgangsblutdruck < 130 mmHg war der Therapieeffekt über verschiedene diastolische Baseline-Kategorien (< 60 bis ≥ 90 mmHg) hinweg konsistent nachweisbar. Außerdem unterschieden sich die Ergebnisse nicht wesentlich in den Subgruppenanalysen. Berücksichtigt wurden hierbei u.a. kardiovaskuläre Vorerkrankungen, Alterskategorien, vorherige antihypertensive Medikation und Blutdruckmessmethode.

Den Forschenden zufolge fand sich kein Anhaltspunkt dafür, dass eine pharmakologische Blutdrucksenkung bei isolierter diastolischer Hypertonie weniger oder mehr bringt als bei Patientinnen und Patienten ohne IDH. Sie halten es für sinnvoll, Personen mit IDH und hohem kardiovaskulärem Risiko eine antihypertensive Therapie anzubieten.

Bidel Z et al. Eur Heart J 2025; doi: 10.1093/eurheartj/ehaf962

Kurz kommentiert

Nur am Rande sei erwähnt, dass eine isolierte diastolische Hypertonie (IDH) gemäß den aktuellen europäischen Leitlinien als ein Praxisblutdruck von systolisch <140 und diastolisch ≥90 mmHg definiert ist. Unter Verwendung dieser Definition zeigten sich ähnliche Ergebnisse (MACE: IDH 0,97 (95 % KI, 0,87–1,08) vs. ohne IDH 0,90 (95 % KI, 0,89–0,92), pInteraktion=0,88). 

Hervorzuheben sind vielmehr folgende Punkte: In der Allgemeinbevölkerung liegt der Höhepunkt der IDH-Prävalenz im Alter zwischen 30 und 39 Jahren, mit einem Rückgang im fünften und sechsten Lebensjahrzehnt. Längsschnittstudien haben jedoch fast ausnahmslos gezeigt, dass das IDH-bezogene Risiko altersabhängig ist. Dies konnte ebenfalls mittels eines systematischen Reviews und Meta-Analyse (N=489.814 Personen) gezeigt werden. Dabei wurde bei älteren Patient*innen (Durchschnittsalter ≥ 55 Jahre) sowie bei Europäern per se kein signifikanter Zusammenhang zwischen IDH und einem erhöhten Risiko für kardiovaskulärer Gesamtkomplikationen festgestellt. Zu beachten ist auch, dass die aktuelle Publikation die Senkung des systolischen Blutdrucks analysiert. 

Der systolische Blutdruck ist im Allgemeinen ein aussagekräftigerer Prädiktor für kardiovaskuläre Ereignisse als der diastolische Blutdruck. Bereits im Jahr 2002 zeigte eine Meta-Analyse von 61 prospektiven Studien mit Einzeldaten und insgesamt 12,7 Millionen Risiko-Personen-Jahren, dass der proportionale Unterschied im Risiko eines vaskulären Todes im Zusammenhang mit einer bestimmten absoluten Abweichung vom üblichen Blutdruck bis zu einem systolischen Blutdruck von mindestens 115 mmHg in etwa gleich ist. Die Schlussfolgerungen der aktuellen Studien basieren auch darauf, dass kein statistisch signifikanter Unterschied hinsichtlich des klinischen Nutzens zwischen Patient*innen mit kombinierter systolisch-diastolischer Hypertonie und solchen mit IDH dokumentiert wurde; der prognostische Wert einer gezielten Senkung des diastolischen Blutdrucks bei IDH bleibt jedoch noch zu klären.

Ihr Prof. Dr. Christian Ott
Vorstandsmitglied der Deutschen Hochdruckliga
Klinikum Nürnberg