Basel – Die Zeit im Zielbereich liefert zusätzliche prognostische Informationen für die Beurteilung des Mortalitätsrisikos, die über den mittleren Blutdruck und die Variabilität hinausgehen.
Die Zeit im Zielbereich (time in target range, TTR) gibt den Anteil der Zeit wieder, in der der Blutdruck innerhalb eines definierten Bereichs bleibt, und berücksichtigt dabei sowohl die Blutdruckschwankungen als auch die Blutdruckkontrolle. Mittels einerBeobachtungskohortenstudie wurden die Assoziationen zwischen der TTR des systolischen Blutdrucks (SBP) während der ambulanten Blutdruckmessung (ABPM) und der kardiovaskulären (CV) Mortalität sowie der Gesamtmortalität untersucht.
In die Studie wurden Patienten aus dem landesweiten spanischen Register für ABPM eingeschlossen, wenn sie bereits antihypertensive Medikamente einnahmen oder wenn bei bisher unbehandelten Patienten erhöhte Blutdruckwerte entweder in der Praxismessung (≥ 140 oder ≥ 90 mmHg) und/oder der ABPM (≥ 130 oder ≥ 80 mmHg) dokumentiert wurden. Die TTR wurde durch lineare Interpolation zwischen aufeinanderfolgenden SBP-Messwerten, die im Rahmen der ABPM erhoben wurden, geschätzt und als Anteil der Zeit ausgedrückt, in der der SBP tagsüber im Bereich von 120–134 mmHg bzw. nachts im Bereich von 110–119 mmHg lag; hieraus wurde die 24-Stunden-TTR abgeleitet.
Insgesamt wurden 48.687 Patienten analysiert. Während einer medianen Nachbeobachtungszeit von 9,7 Jahren traten 6.502 Todesfälle auf, darunter 2.185 CV-Todesfälle. Ein höherer 24-Stunden-TTR war mit einer geringeren Gesamtmortalität assoziiert (HR 0,83 pro Anstieg um 1 SD [95 %-KI: 0,80–0,85]). Ebenso war ein höherer 24-Stunden-TTR mit einer geringeren CV-Mortalität verbunden (HR: 0,80 pro Anstieg um 1 SD [95 %-KI: 0,76–0,84]). Beide Zusammenhänge blieben auch nach Adjustierung signifikant. Dieser Vorteil wurde bei Patienten mit erhöhtem oder kontrolliertem Blutdruck beobachtet, jedoch nicht bei Patienten mit niedrigen Blutdruckwerten. Ferner zeigte sich der Zusammenhang bei den meisten Hypertonie-Phänotypen, mit Ausnahme der unkontrollierten Weißkittel-Hypertonie.
Laut dem Autorenteam zeigen diese Daten, dass ein höherer 24-Stunden-SBP-TTR, der anhand einer ambulanten Blutdruckmessung ermittelt wurde, mit einer geringeren Gesamtmortalität und CV-Mortalität zusammenhängt.
Lauder L et al, Hypertension 2026;83:1612–1620: Association Between 24-Hour Systolic Blood Pressure Time in Target Range and Mortality | Hypertension
Kurz kommentiert
Leider entsprechen die angestrebten Blutdruckwerte nicht immer den gemessenen Werten. Der TTR gibt den Anteil der Zeit wieder, in der der Blutdruck innerhalb der in den Leitlinien empfohlenen Zielwerte bleibt. Er erfasst sowohl das Blutdruckniveau als auch dessen zeitliche Stabilität – Eigenschaften, die durch einzelne Blutdruckwerte nicht vollständig widergespiegelt werden. Es konnte wiederholt gezeigt werden, dass die TTR ein starker Prädiktor für CV-Ereignisse und Sterblichkeit ist. Dies wurde erst kürzlich wieder in einer umfassenden Metaanalyse dokumentiert, die auf Daten aus Kohortenstudien und Sekundäranalysen klinischer Studien basiert. Ebenso wurde kürzlich gezeigt, dass ein höherer jährlicher TTR basierend auf häuslichen Messungen mit einer geringeren Prävalenz von (mittels Magnetresonanztomographie festgestellten) Hirnläsionen verbunden war. Diese aktuelle Erhebung mit TTR mittels ABPM zeigt ebenfalls eindrucksvoll, dass das Erreichen und Aufrechterhalten einer höheren TTR entscheidend für die Verringerung des Risikos für unerwünschte kardiovaskuläre Ereignisse sein könnte und dass sich eine nachhaltige Blutdruckkontrolle auszahlt.
Dies impliziert eine Verlagerung hin zu intensiveren Strategien der Blutdruckkontrolle. Aktuell sind manschettenlose Wearables zwar (noch) keine Option, aber regelmäßige Messungen (z. B. zu Hause) können zur Optimierung der TTR beitragen und damit möglicherweise die Morbidität und Mortalität im Zusammenhang mit Bluthochdruck senken und dessen Komplikationen verringern.
Hypertoniker wären eigentlich gut beraten, sich nicht nur zu fragen: „Wie hoch ist mein Blutdruck?“, sondern auch: „Wie hoch war mein Blutdruck?“
Ihr Prof. Dr. Christian Ott
Vorstandsmitglied der Deutschen Hochdruckliga
FAU Erlangen-Nürnberg