Shanghai – Eine aktuelle Analyse weist nun auf einen Zusammenhang zwischen der Jahreszeit, in der ein Bluthochdruck-Screening erfolgte, und klinischen Ergebnissen hin.
Die Diagnose ist der erste entscheidende Schritt vor jeder Behandlung. In der vorliegenden Studie wurde, mittels flächendeckender Blutdruckmessung bei allen Erwachsenen, die „Gesundheitseinrichtungen“ aufsuchten, der Zusammenhang zwischen dem Blutdruck und dem Gesamtmortalitätsrisiko über vier Jahreszeiten hinweg untersucht.
Diese prospektive Kohortenstudie basiert auf Daten (2018 bis 2024) aus dem laufenden Programm zur Bluthochdruck-Vorsorgeuntersuchung in Shanghai. Insgesamt wurden 166.670 Personen (35-89Jahren), bei denen zuvor kein Bluthochdruck ärztlich diagnostiziert wurde, in die Studie eingeschlossen. Der Blutdruck wurde mit einem automatisierten Gerät in Gemeindegesundheitszentren gemessen. Die Jahreszeiten sind, vergleichbar mit Deutschland, Frühling (März – Mai), Sommer (Juni – August), Herbst (September – November) und Winter (Dezember – Februar). Der klinische Endpunkt war die Gesamtmortalität.
Sowohl der mittlere Blutdruck als auch der Anteil der Personen mit einem Screening-Blutdruck über 140/90 mmHg wiesen signifikante Unterschiede (jeweils p<0,001) zwischen den Jahreszeiten auf: Die höchsten Werte wurden im Winter und die niedrigsten im Sommer gemessen, während die Werte im Frühjahr und Herbst jeweils dazwischen lagen. Während einer medianen Nachbeobachtungszeit von 1,6 Jahren war die Inzidenzrate der Gesamtmortalität bei Teilnehmern, deren Blutdruck im Sommer gemessen wurde, höher als in anderen Jahreszeiten. Nach Adjustierung (u.a. Alter, Geschlecht und Blutdruck) betrug die Hazard-Ratio für das Risiko der Gesamtmortalität bei Teilnehmern, deren Blutdruck im Sommer gemessen wurde, im Vergleich zur Gesamtpopulation bei 1,14 (95% KI, 1,05–1,24). Es gab keine signifikante Wechselwirkung zwischen der Jahreszeit der Blutdruckmessung und Geschlecht, Alter, Bluthochdruckstatus in Bezug auf das Gesamtmortalitätsrisiko (alle p≥0,05).
Laut dem Autorenteam sollte – bei Screening-Maßnahmen, bei denen nur der Blutdruck in der Praxis gemessen wird – in Ländern mit vier Jahreszeiten, wiederholt und vorzugsweise zu verschiedenen Jahreszeiten, gemessen werden.
Yan Q et al, Hypertension 2025;82:1930–1937: Season of Blood Pressure Measurement Screening and All-Cause Mortality: A Community-Based Prospective Cohort Study - PubMed
Kurz kommentiert
Der Blutdruck unterliegt saisonalen Schwankungen. Dies betrifft beide Geschlechter, alle Altersgruppen sowie Menschen mit normalem Blutdruck und Bluthochdruck. In einem systematischen Review und einer Meta-Analyse wurde unter anderem gezeigt, dass sich diese saisonalen Blutdruckunterschiede bei allen Methoden zur Messung des Tagesblutdrucks dokumentieren lassen. Obwohl Deutschland im internationalen Vergleich, mit den höchsten Bekanntheitswert bezüglich Bluthochdrucks aufweist, wissen auch hierzulande viele (Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer) nicht, dass sie betroffen sind. Angesichts des (u.a.) mangelnden Bewusstseins für erhöhten Blutdruck, wurde die Kampagne „May Measurement Month“ (MMM) ins Leben gerufen. Ein „Alliterations-Slogan“ mag zwar einprägsam sein, aber eine kürzlich publizierte Arbeit zeigte, dass im Jahr 2022 MMM im Erhebungszeitraum April bis August, und somit nahezu ausschließlich im Spätfrühling bzw. Sommer, durchgeführt wurde. Natürlich sind die Bemühungen, die Bluthochdruck-Awareness zu steigern unbedingt zu unterstützen; nur möchte man generell zu bedenken geben, dass wenn der Blutdruck nur einmal in den Sommermonaten im Jahr gemessen wird, dies dazu führen kann, dass die Prävalenz von Bluthochdruck unterschätzt wird und ein beträchtlicher Anteil der Patienten unentdeckt oder zu spät erkannt wird, mit damit einhergehendem kardiovaskulärem Risiko. Daher sollte auch (mindestens) eine weitere Blutdruckmessung in Betracht gezogen werden, die später im Jahr, d. h. in den kälteren Zeiten, stattfindet.
Ihr Prof. Dr. Christian Ott
Vorstandsmitglied der Deutschen Hochdruckliga
Klinikum Nürnberg