Pharmakoepidemiologie legt nahe, dass bereits bei jungen Erwachsenen eine medikamentöse antihypertensive Therapie kardiovaskuläre Krankenhausaufnahmen verringert.
Im Gegensatz zu älteren und mittleren Altersgruppen wurde die Wirksamkeit einer medikamentösen Blutdrucksenkung zur Reduktion blutdruckbedingter Komplikationen bei jüngeren Personen bisher nicht dokumentiert. Dies wurde nun (indirekt) mittels einer Adhärenz-Erhebung bei jungen Erwachsenen untersucht.
Basierend auf verfügbaren Daten der Region Lombardei (Italien) wurden 286.751 Einwohner im Alter von 18 bis 55 Jahren identifiziert, denen zwischen 2009 und 2017 erstmals blutdrucksenkende Medikamente verschrieben wurden. Die Therapietreue (Adhärenz) wurde anhand des Anteils (< vs. ≥ 80 %) der Nachbeobachtungszeit bestimmt, der durch die Verordnung blutdrucksenkender Medikamente abgedeckt war. Der primäre Endpunkt waren Krankenhauseinweisungen aufgrund kardiovaskulärer (CV) Ereignisse. Sekundäre Endpunkte waren CV-, und Gesamtmortalität.
Über einen Nachbeobachtungszeitraum von etwa sechs Jahren betrug das relative Risiko (Hazard Ratio, HR) für eine Krankenhausaufnahme aufgrund eines CV-Ereignisses in Abhängigkeit von der Therapietreue bei der Einnahme blutdrucksenkender Medikamente 0,78 (95 %-KI 0,65–0,94) bei Patienten im Alter von 18–39 Jahren (N= 40.058) und 0,80 (95 %-KI 0,76–0,84) bei Patienten im Alter von 40–55 Jahren (N=246.693). Es zeigten sich keine Unterschiede zwischen den Altersgruppen (p = 0,999). Die Einhaltung (≥ 80 %) der blutdrucksenkenden Medikamenteneinnahme war bei Patienten im Alter von 40–55 Jahren negativ mit der CV-Mortalität 0.82 (95%-KI 0.72–0.94) und der Gesamtmortalität 0.70 (95%-KI 0.67–0.73) assoziiert, während sich bei Patienten im Alter von 18–39 Jahren keine signifikanten Auswirkungen bezüglich der Gesamtmortalität 0,93 (95%-KI 0.78-1.10) zeigten. Die CV-Mortalität aufgrund der geringen Anzahl von Ereignissen (N=89) wurde nicht untersucht.
Laut dem Autorenteam zeigen diese Daten, dass die Einhaltung einer medikamentösen antihypertensiven Therapie das Risiko für kardiovaskuläre Krankenhausaufenthalte bei jungen Erwachsenen ebenso stark senkt wie bei Patienten mittleren Alters. Dies stützt die Schlussfolgerung, dass blutdrucksenkende Medikamente auch in dieser Altersgruppe eine positive Wirkung haben.
Rea F et al, European Heart Journal 2026;47:346–355: Antihypertensive treatment in young adults and cardiovascular risk: a population-based cohort study
Kurz kommentiert
Die aktuelle Analyse von Rea et al. liefert wichtige Belege dafür, dass sich die Einhaltung einer blutdrucksenkenden Therapie stark positiv auf die Zahl der kardiovaskulären Krankenhausaufenthalte bei jungen Erwachsenen auswirkt. Übereinstimmend zeigte kürzlich eine Kohortenstudie (N = 902.741 junge Menschen im Alter von 16–19 Jahren) mit einer Nachbeobachtungszeit von über 18 Millionen Personenjahren und 6.305 erfassten CV-Ereignissen (ischämische Herzerkrankung oder zerebrovaskuläre Erkrankung) eine adjustierte HR von 2,42 (95 % KI 1,87–3,12) bei bestehender Hypertonie im Vergleich zu einem Blutdruck < 120/< 80 mmHg.
Bei beiden Erhebungen („Pharmakoepidemiologie“ bzw. Kohortenstudie) handelt es sich nicht um randomisierte klinische Studien. Diese Population gilt jedoch traditionell als Gruppe mit geringem absolutem Risiko und bleibt in randomisierten Studien weitgehend unberücksichtigt. Daher ist hervorzuheben, dass diese gewonnenen Plausibilitätsargumente die aktuellen Leitlinienempfehlungen für eine frühzeitige Intervention untermauern.
Abschließend sei erwähnt, dass generell die langfristige Einhaltung der verschriebenen Medikamenteneinnahme (Adhärenz) eine erhebliche Herausforderung für die Patienten darstellt. Im Speziellen haben frühere Untersuchungen an großen Populationen von behandelten Bluthochdruckpatienten (sogar) gezeigt, dass die Therapietreue bei jüngeren Patienten geringer ist.
Ihr Prof. Dr. Christian Ott
Vorstandsmitglied der Deutschen Hochdruckliga
FAU Erlangen-Nürnberg