Kosten und Nutzen einer Bluthochdruck-Behandlung

Professor Dr. med. Thomas Unger

In der gesundheitspolitischen Debatte spielen die Kosten einer blutdrucksenkenden Therapie eine wachsende Rolle. Doch dabei werden die Folgekosten einer unzureichenden Behandlung meist nicht berücksichtigt.

Bluthochdruck ist eine gefährliche und auch tödliche Krankheit. Sie ist Wegbereiter von Herz- Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfall und Herzinfarkt. Diese Botschaft hören wir täglich. Aber überlegen wir uns auch, welche Konsequenzen sie für unser Gesundheitssystem hat? Die Meisten von uns wissen, dass der hohe Blutdruck neben dem Lebensalter der wichtigste Risikofaktor für einen Schlaganfall ist. In der Tat liegt das Risiko für Schlaganfall bei Patienten mit hohem Blutdruck etwa 6 bis 18 mal höher als für Nicht-Hypertoniker. In Deutschland erleiden jährlich über 200.000 Menschen einen Schlaganfall. Jedes Jahr sterben rund 90.000 Patienten daran, die restlichen Betroffenen tragen meist lebenslang an den Folgen. Allein 40 Prozent der Schlaganfälle können einem systolischen Blutdruck über 140 mm Hg zugeschrieben werden.

Diese Fälle sind so häufig und so auffällig, dass buchstäblich jeder von uns aus der Verwandtschaft oder Bekanntschaft darüber erzählen kann. Und nicht nur die Patienten und ihre Anverwandten leiden – auch das Gesundheitssystem leidet unter den Folgekosten des Schlaganfalls. In Deutschland müssen jährlich etwa drei Milliarden Euro zur Akut- und Folgebehandlung dieser verheerenden Erkrankung aufgebracht werden. Die Zahl ist sehr vorsichtig kalkuliert. Wahrscheinlich ist der tatsächliche Aufwand beträchtlich höher, wenn man Größen wie Verdienstausfall und die gesamte Rehabilitation mit einbezieht.

Schlaganfallrisiko reduzieren

NutzenDeshalb drängt sich die Frage auf, ob wir denn nichts dagegen tun können? Die Antwort ist eindeutig: Wir könnten, wenn wir nur wollten. Gelänge es uns, zwei Drittel der Hypertonie-Patienten auf einen oberen Blutdruckwert von unter 140 mm Hg einzustellen, dann hätten wir das Schlaganfallrisiko in unserer Bevölkerung mit größter Wahrscheinlichkeit um über die Hälfte reduziert. Dann gäbe es nicht mehr über 200.000, sondern nur noch vielleicht 100.000 Schlaganfälle pro Jahr und entsprechend weniger Sterbefälle. Das ist immer noch viel zu viel, aber der therapeutische Erfolg einer konsequenten Blutdrucksenkung ist augenfällig. Gegenwärtig haben aber in unserem Land nur weniger als ein Fünftel der Hypertoniker Werte unter 140 mm Hg. Das ist unverständlich angesichts heutiger therapeutischer Möglichkeiten in einem vergleichsweise wohlhabenden Land.

Neue Medikamente sind finanzierbar

Und wenn wir schon beim Geld sind: Würde sich die Reduzierung der Schlaganfallquote durch konsequente blutdrucksenkende Behandlung denn überhaupt lohnen? Würde es sich für das Gesundheitssystem „rechnen“, wie man heute so schön sagt? Angenommen, wir könnten die Zahl der jährlichen Schlaganfälle durch konsequente blutdrucksenkende Therapie wirklich halbieren. Das würde bedeuten, wir könnten über 100.000 Schlaganfälle verhindern und damit mindestens 1,5 Milliarden Euro einsparen. Das Geld sollte dann besser zur Verhütung als zur Behandlung von Schlaganfällen ausgegeben werden. In diesem Fall stünden uns also schon 1,5 Milliarden Euro zusätzlich zur bisherigen medikamentösen Blutdrucksenkung zur Verfügung. Das würde unser Gesundheitssystem keinen Cent mehr kosten. Wäre uns die Vermeidung von Schlaganfällen noch etwas mehr wert, könnten wir ja die gleiche Summe noch mal drauflegen. Diese würden wir sicher an den ausgefallenen Rehabilitations-Maßnahmen wieder einsparen. Damit könnten wir nun 3 Milliarden Euro in eine effektivere medikamentöse Blutdrucksenkung investieren. Wir müssen aber von der realistischen Annahme ausgehen, dass wir nur zwei Drittel unserer Hypertoniepatienten effektiv behandeln können. Deshalb würden wir diese Mittel auf etwa 10 Millionen Patienten verteilen, das wären 300 Euro pro Patient und Jahr. Dann hätten wir täglich pro Patient fast einen Euro mehr zur effektiven Vermeidung von Schlaganfällen zur Verfügung. Damit ließe sich eine effiziente blutdrucksenkende Kombinationstherapie auch mit neueren Medikamenten mit Sicherheit finanzieren – und der therapeutische Gewinn wäre enorm. Nicht nur bezogen auf den Schlaganfall: Wir könnten auch die Folgen des Bluthochdrucks auf das Gefäßsystem reduzieren wie Herzinfarkt oder hochdruckbedingte Nierenerkrankungen.

Vermeintliche Kostenersparnis rechnet sich nicht

Eine konsequente Blutdrucksenkung lohnt sich also allemal: sowohl für jeden einzelnen Patienten, als auch für das gesamte Gesundheitssystem eines Landes. Konsequente Blutdrucksenkung heißt aber auch, dass der Arzt effektive und nebenwirkungsarme blutdrucksenkende Medikamente verschreiben muss, die Krankenversicherung diese erstatten muss und der Patient sie regelmäßig einnehmen muss. Die vermeintliche Kostenersparnis bei der Verschreibung und Erstattung kostengünstigerer älterer Antihypertensiva wird hierbei mehr als aufgewogen. Denn die älteren Medikamente wie zum Beispiel die Diuretika sind oft nebenwirkungsträchtig, insbesondere wenn sie zur effektiven Blutdrucksenkung in hohen Dosen gegeben werden müssen, und werden von den Patienten auf Dauer nicht akzeptiert. Mit einer etwas teureren medikamentösen Therapie, die sich jedoch durchaus im oben abgesteckten finanziellen Rahmen hält, kann das Ziel einer langfristigen, nachhaltigen Blutdruckkontrolle mit all ihren positiven Folgen auch wirklich erreicht werden.

Autor

Professor Dr. med. Thomas Unger ist Direktor des Center for Cardiovascular Research und des Instituts für Pharmakologie Charité – Universitätsmedizin Berlin, und Vorsitzender des Deutschen Institutes für Bluthochdruckforschung, Heidelberg (DIB).

Dieser Beitrag erschien im DRUCKPUNKT – Zeitschrift für Prävention und Behandlung des Bluthochdrucks und seiner Folgen – Ausgabe 01/2007. Sie können die Ausgabe hier kostenlos als PDF-Datei herunterladen oder als gedrucktes Heft in unserem Online-Shop erwerben.

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