Jahreszeitabhängiger Blutdruck

Professor Dr. med. Björn Lemmer

Mit den Jahreszeiten schwanken viele Körperfunktionen und damit auch der Blutdruck. Die genauen Mechanismen sind bis heute nicht ganz geklärt.

Fast alle Funktionen des Herz-Kreislauf-Systems, wie Blutdruck, Herzfrequenz und Schlagvolumen, unterliegen einem so genannten circadianen Rhythmus. Das heißt, sie schwanken in einem nachvollziehbaren Rhythmus innerhalb von 24 Stunden. Mit Hilfe von tragbaren 24-Stunden-Blutdruckmessgeräten können Mediziner das 24-Stunden- Blutdruckprofil genau erfassen und auch tageszeitliche Schwankungen beurteilen. Der Blutdruck schwankt nicht nur im Laufe eines Tages, sondern auch im Verlauf der Jahreszeiten. Das gleiche gilt für Folgeerkrankungen wie Schlaganfall, Durchblutungsstörungen des Herzens (koronare Herzerkrankung) und die Variabilität der Herzfrequenz (HFV). Im Winter ist der Blutdruck signifikant höher und die Risiken für Folgeerkrankungen größer als im Sommer. Auch wenn der Bluthochdruck medikamentös behandelt wird, bleiben die Jahresrhythmen nachweisbar (siehe Abbildung).

Anpassungsfähigkeit sinkt

Todesfälle durch Herz-Kreislauf- Erkrankungen sind im Winter etwa 20 bis 50 % häufiger. Ein Grund dafür sind die jahreszeitlichen Schwankungen der Außentemperatur, doch das kann nicht alle Unterschiede erklären. Interessanterweise ist die HFV in den Wintermonaten wesentlich geringer. Die HFV beschreibt die Fähigkeit des Herzens, den zeitlichen Abstand von einem Herzschlag zum nächsten laufend je nach Belastung zu verändern und sich flexibel und rasant ständig wechselnden Herausforderungen anzupassen. Damit ist sie ein Maß für die allgemeine Anpassungsfähigkeit eines Organismus an innere und äußere Reize. Eine niedrigere HFV im Winter könnte zu einer höheren Sterblichkeit beitragen. Auch körpereigene Substanzen, die die Blutdruckregulation steuern, unterliegen jahreszeitlichen Schwankungen. So ist die Konzentration von Stickstoffmonoxid, das die Gefäße erweitert, im Winter niedriger. Dagegen ist die Konzentration des Endothelins, das eine gefäßverengende Wirkung hat, in den Wintermonaten erhöht. Unser Herz-Kreislauf- System und seine Risiken werden somit nicht nur durch innere Uhren, die den Tagesrhythmus bestimmen, sondern auch durch Jahresuhren bestimmt.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikel wurde angegeben, dass die Todesfälle im Winter etwa 20- bis 50-mal häufiger wären. Das ist falsch. Die Häufigkeit beträgt 20 bis 50 %. Leider ist dieser Fehler auch in der Druckausgabe des Artikels im DRUCKPUNKT enthalten.

Autor

Professor Dr. med. Dr. h.c. Björn Lemmer ist Direktor des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie der Universität Heidelberg. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Analyse circadianer Rhythmen.

Dieser Beitrag erschien im DRUCKPUNKT – Zeitschrift für Prävention und Behandlung des Bluthochdrucks und seiner Folgen – Ausgabe 02/2007. Sie können die Ausgabe hier kostenlos als PDF-Datei herunterladen oder als gedrucktes Heft in unserem Online-Shop erwerben.

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