Fußball mit Hochdruck

Professor Dr. med. Tim Meyer

Auch Hypertoniker können sich den Spaß am Fußball gönnen – vorausgesetzt, der Blutdruck ist gut eingestellt.

„Die deutsche Mannschaft bereitet sich mit Hochdruck auf die Fußball- Europameisterschaft 2008 vor“ – solche oder ähnliche Sätze konnten wir in den vergangenen Wochen mehrfach lesen. Glücklicherweise ergibt sich für die Mannschaftsärzte daraus nicht die Notwendigkeit, den Blutdruck der Spieler zu senken. Schließlich stehen einige der zur Verfügung stehenden Substanzen für Sportler auf der Dopingliste. Junge Fußballspieler haben natürlich nur äußerst selten einen behandlungsbedürftigen Bluthochdruck. Anders sieht die Situation allerdings bei den Zuschauern im Stadion und vor den Fernsehschirmen aus. Die sollten sich vielleicht nicht „mit Hochdruck“, aber doch mit Bedacht auf das kommende Großereignis vorbereiten. Das gilt vor allem für diejenigen, die mit hohem Blutdruck zu kämpfen haben. Denn während aufregender Fußballspiele ist nicht nur bei den Spielern, sondern auch bei den Zuschauern mit erheblichen Adrenalinausschüttungen zu rechnen. Diese treiben nicht nur den Puls, sondern auch den Blutdruck in die Höhe.

Häufige Notfälle

Kürzlich wurde in einem bedeutenden wissenschaftlichen Magazin (New England Journal of Medicine) berichtet, dass Notfälle aufgrund von Herz-Kreislauf-Zwischenfällen in Deutschland während der Fußball- Weltmeisterschaft 2006 überdurchschnittlich häufig waren. Besonders betroffen waren die Spieltage der deutschen Mannschaft. An diesen haben sich gravierende akute Erkrankungen, an denen das Herz beteiligt war, mehr als verdoppelt. Das spricht dafür, dass auch Hochdruckpatienten unter diesen Bedingungen einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind. Schließlich sind ihre Gefäße mit höherer Wahrscheinlichkeit vorgeschädigt, das ist besonders kritisch für die Blutversorgung von Herz und Gehirn. Damit haben sie ein größeres Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall als Personen mit normalem Blutdruck. Was sollte man als Hypertoniker also tun, um sich auf die Europameisterschaft optimal vorzubereiten?

Optimale Blutdruckeinstellung

Die wichtigste Maßnahme, um Blutdruckspitzen und dadurch bedingten Herz-Kreislauf-Problemen vorzubeugen, ist natürlich eine optimale Einstellung des Blutdrucks. Ohnehin sollten regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Hausarzt oder beim betreuenden Internisten die Regel sein. Keinesfalls darf jedoch bei fußballinteressierten Hypertonikern ein solcher Termin im Vorfeld der Europameisterschaft ausfallen. Hier können mehrfache Blutdruckmessungen in Ruhe und unter Belastung, eine 24-Stunden- Blutdruckmessung und vielleicht sogar eine Ultraschalluntersuchung des Herzens erforderlich sein.

Zuverlässige Medikamenteneinnahme

Ist eine optimale Einstellung gesichert, liegt der nächste Schritt zur Risikominimierung beim Patienten selber: die verschreibungsgerechte Medikamenteneinnahme. Natürlich ist es immer ratsam, alle Medikamente entsprechend der ärztlichen Verschreibung einzunehmen. Dieser Grundsatz gilt während emotionaler Ereignisse wie der Fußball-Europameisterschaft jedoch in ganz besonderem Maße. Aufgrund der unterschiedlichen Wirkungsdauer einzelner Substanzen muss die Phase besonders kontrollierter Medikamenteneinnahme bereits ein bis zwei Tage vor wichtigen Spielen beginnen. Von eigenmächtigen Veränderungen bei der Einnahme der Medikamente ist immer abzuraten. Doch in dieser Zeit können sich eigenmächtigen Veränderungen besonders negativ auswirken.

Kurzfristige Blutdrucksenkung

Bei Patienten mit besonders „labilem“ Blutdruckverhalten lassen sich grundsätzlich vor wichtigen Ereignissen die Blutdruckwerte durch zusätzliche Medikamente stabilisieren, wenn man zu einem absehbaren Zeitpunkt erhöhte Blutdruckwerte erwartet. Zu diesem Zweck existieren verschiedene Präparate mit kurzer Wirkungsdauer. Ihr Einsatz unter dieser Zielsetzung sollte jedoch sehr zurückhaltend erfolgen. Denn sie sind in der Regel durch die konsequente Einnahme der regelmäßig verschriebenen Medikamente überflüssig. Inwieweit eine zusätzliche Medikamentengabe risikofrei möglich ist, kann nur der betreuende Arzt entscheiden. Keinesfalls sollte eine eigenmächtige Erhöhung der bestehenden Medikamente an Spieltagen vorgenommen werden. Dies gilt auch für die häufig als „Notfallmedikamente“ mitgeführten Kautabletten und Phiolen wie Nifedipin und Nitrendipin.

In Maßen genießen

Überall auf der Welt gibt es typische Verhaltensweisen der Zuschauer von Sportereignissen. In Deutschland gehört für viele Menschen der Konsum von Bier und Chips oder Süßigkeiten zum Fernsehfußball. In Maßen genossen, ist das nicht dramatisch. Alkohol in größeren Mengen kann allerdings blutdrucksteigernd wirken und führt außerdem zu einem unkontrollierten Flüssigkeits- und Mineralienverlust. Gerade für Hochdruck- Erkrankte ist der gehäufte Genuss von Salzgebäck und Süßigkeiten nicht gerade optimal und entspricht nicht der Forderung nach einer gesunden Ernährung. Und auch Süßigkeiten mit ihrem hohen Anteil an Fetten und Einfachzuckern sind für Patienten mit Risikofaktoren nicht gerade optimal. Aus ärztlicher Sicht sollten Blutdruckpatienten auch während der Fußballeuropameisterschaft ihr grundsätzliches Ernährungsverhalten nach den üblichen Empfehlungen richten: fettreduziert, obstund gemüsereich, ausreichende Flüssigkeitsaufnahme ohne hohen Alkoholanteil.

In Bewegung bleiben

Die Zuschauer sehen sich Fußballspiele in aller Regel im Sitzen an. In einem Stadion ist die Sitzposition zudem meist noch sehr beengt. Zu dieser Problematik existieren keine umfangreichen wissenschaftlichen Daten. Dennoch ist zu vermuten, dass dieser Um- Während der EM stand gemeinsam mit der emotionalen Anspannung während der Fußballspiele nicht gerade blutdrucksenkend wirkt. Hypertoniker vor dem Fernsehschirm sollten sich während der Übertragungen gelegentlich bewegen, ab und zu mal aufstehen und umhergehen. Ob Zuschauer in einem Stadion diesen Rat umsetzen können, wird wohl vom Einzelfall abhängen.

Ergänzende Maßnahmen

Generell hat körperliche Aktivität natürlich auch während der EM günstige Auswirkungen auf den Blutdruck. Neben den bekannten langfristigen vorbeugenden Effekten wirkt Ausdauersport auch unmittelbar entspannend. Somit kann er das Risiko mindern, wenn er vor einem emotional besetzten Ereignis ausgeübt wird. Diesen Zweck dürfte übrigens auch das Fußballspielen selbst erfüllen. Es hat zwar intervallartigen Charakter, stellt aber grundsätzlich einen ausreichenden Trainingsreiz dar. Somit hat es in aller Regel positive Effekte auf die Herz-Kreislauf-Funktion und den Blutdruck. Diese vorbeugenden Eigenschaften untersucht seit einiger Zeit auch der Weltfußballverband FIFA (Fédération Internationale de Football Association) durch sein Zentrum für medizinische Auswertung und Forschung F-MARC. Durch den Wettkampfcharakter des Fußballs ist allerdings die individuelle Kontrolle der Belastung während des Fußballspielens schwierig. Deshalb sollten Bluthochdruck-Erkrankte, bevor sie selber Fußball spielen, einen Arzt aufsuchen und ihre Tauglichkeit für solche sportlichen Belastungen prüfen lassen. Zumindest ein Belastungs-EKG mit simultaner Blutdruckkontrolle erscheint zur Abklärung dieser Frage unerlässlich.

Autor

Professor Dr. Tim Meyer ist Lehrstuhlinhaber für Sportmedizin an der Universität Paderborn und Mannschaftsarzt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Dem DFB-Ärzteteam gehört er seit 2001 an, neben Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und Dr. Josef Schmitt.

Dieser Beitrag erschien im DRUCKPUNKT – Zeitschrift für Prävention und Behandlung des Bluthochdrucks und seiner Folgen – Ausgabe 01/2008. Sie können die Ausgabe hier kostenlos als PDF-Datei herunterladen oder als gedrucktes Heft in unserem Online-Shop erwerben.

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