Diabetes und Bluthochdruck

Professor Dr. med. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe

Das Herz eines Diabetikers kann durch zu hohen Blutzucker Schaden nehmen. Kommt Bluthochdruck hinzu, ist das Herz noch mehr gefährdet. Nur die konsequente Behandlung beider Erkrankungen verringert das Risiko.

Eine hochgefährliche Mischung für Herz und Blutgefäße ist die Kombination von hohem Blutzucker und hohem Blutdruck. Beide Erkrankungen entwickeln sich still und allmählich, meist fehlen eindeutige Symptome. Deshalb werden sie häufig zu spät erkannt und nicht rechtzeitig behandelt. Die Anzeichen sind meist sehr unspezifisch. So können Erschöpfung, Müdigkeit und Antriebsarmut Hinweise sein auf zu hohe Blutzuckerwerte. Kopfschmerzen, Herzrasen und Nasenbluten können die Folge eines erhöhten Blutdrucks sein. Ein besonders hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen entsteht durch die Kombination von Diabetes mit Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Übergewicht. Diese Risikofaktoren werden auch als tödliches Quartett oder metabolisches Syndrom bezeichnet. Alle vier Faktoren begünstigen Gefäßverkalkung (Arteriosklerose), die im Laufe der Jahre Herz und Gefäße stark gefährdet.

Schleichender Krankheitsverlauf

Bei Diabetikern verlaufen Alterungsprozesse des Herzens beschleunigt ab. Dann ist das Herz anfällig für Durchblutungsstörungen, Herzschwäche und auch Herzrhythmusstörungen. Über 75 Prozent aller Diabetiker sterben letztlich an den Folgen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung wie Schlaganfall oder Herzinfarkt. Im Vergleich zu gesunden Menschen ist das Risiko für einen Herzinfarkt bei Männern mit Diabetes um das Vierfache erhöht, diabetische Frauen haben sogar ein bis zu sechsfach höheres Infarktrisiko. Besonders gefährdet sind Patienten mit Typ-2-Diabetes, früher oft fälschlicherweise Altersdiabetes genannt, bei denen eine Wirksamkeitsstörung des Insulins vorliegt. Dies betrifft gerade Menschen, die noch nicht wissen, dass sie Vorstufen von Diabetes haben oder bereits an Diabetes erkrankt sind. Die Dunkelziffer der unentdeckten Diabetiker ist hoch. Manchmal dauert es zehn Jahre, bis die Erkrankung festgestellt wird. Häufig wird erst nach einem Herzinfarkt festgestellt, dass der Betroffene Diabetes hat. Inzwischen muss davon ausgegangen werden, dass mehr als zehn Prozent der Bevölkerung an Diabetes erkrankt ist – Tendenz steigend. Aktuell leben in Deutschland acht Millionen Diabetiker. Hinzu kommt ein erheblicher Anteil der Bevölkerung mit beginnenden Störungen des Zuckerstoffwechsels. Über 90 Prozent der Diabetiker haben Typ-2-Diabetes. Die Erkrankung ist häufig die Folge von Übergewicht, das auch Bluthochdruck begünstigt. Bei Typ-1-Diabetikern wird Bluthochdruck in der Regel durch eine längerfristig schlechte Blutzuckereinstellung begünstigt. Durch gute Blutdruck- und Blutzuckereinstellung wird die Prognose positiv beeinflusst. Darüber hinaus hängt das Gefäßrisiko auch vom Lebensalter und der Krankheitsdauer ab.

10-Punkte-Programm für herzkranke Diabetiker

  1. Umfassende Bestimmung des individuellen Gefäßrisikos. Dazu gehört die Beantwortung der Fragen: raucht der Betroffene, wie ernährt er sich, bewegt er sich regelmäßig, ist er erblich vorbelastet?
  2. Die gefährdeten Arterien und Organe sollten untersucht werden mit einfachen Verfahren wie Pulsmessung, Dopplerindex und Duplexsonografie.
  3. Bestimmung des Körpergewichts mit Festlegung des gewünschten Gewichts und einer Ernährungsempfehlung (wenig gesättigtes Fett und ballaststoffreiches Essen).
  4. Blutzuckereinstellung: Messung des Blutzuckers nüchtern und zwei Stunden nach dem Frühstück; der HbA1c-Wert zeigt die Höhe des Blutzuckers der letzten zwölf Wochen.
  5. Blutdruck: Die Werte sollten unter 130 / 80 mm Hg liegen, je niedriger desto besser.
  6. Blutfette: Die Blutfette wie Cholesterin (LDL und HDL) sowie Triglyceride sollten überprüft werden.
  7. Nierenfunktion: Die Funktion der Nieren wird anhand einiger Laborwerte überprüft wie Creatinin im Blut und Eiweiß im Urin.
  8. Empfohlen wird regelmäßige körperliche Bewegung, die nicht zur Erschöpfung führt.
  9. Hemmstoffe der Blutplättchen wie Acetylsalicylsäure vorbeugend nehmen, schon vor einem Herzinfarkt.
  10. Falls erforderlich, sollten die Betroffenen frühzeitig herzschützende Medikamente erhalten.

Blutzucker und Blutdruck optimal einstellen

Die Prognose von Diabetikern wird durch die Einstellung von Blutzucker und Blutdruck entscheidend beeinflusst. Die Werte sollten möglichst im Normbereich liegen, wenn sie ohne Nebenwirkungen erreichbar sind. Etwa die Hälfte der Diabetiker hat Bluthochdruck. Bei den Betroffenen reicht es nicht aus, nur den Zucker zu senken. Eine gute Einstellung von Blutzucker und Blutdruck verbessert auch dann die Prognose, wenn die Herzerkrankung bereits weit fortgeschritten ist. Wenn Maßnahmen notwendig sind wie eine Stent-Implantation (Gefäßstütze) oder eine Bypass-Operation (Gefäßersatz), profitieren die Betroffenen ebenfalls von einer guten Einstellung des Blutdrucks und des Blutzuckers. Liegen die Werte von Diabetikern vor, während und nach einem operativen Eingriff im gewünschten Bereich, so ist die Überlebensrate der Patienten höher. Zugleich ist das Risiko, innerhalb kurzer Zeit erneut Gefäßprobleme zu haben, deutlich geringer.

Gesunde Lebensweise

Bei der Therapie kommt es vor allem auf ein stadiengerechtes Behandlungsmanagement an. Dabei sollten alle Risikofaktoren (auch Blutfette) gleichermaßen berücksichtigt werden. Neben der optimalen Blutdruck- und Blutzuckereinstellung muss versucht werden, das Herz-Kreislauf-Risiko durch eine gesunde Lebensweise zu senken. Denn zweifellos minimieren Gewichtsabnahme und Nikotinverzicht das Risiko zusätzlich. Der Patient kann durch sein verändertes Ernährungs- und Bewegungsverhalten selbst etwas zur Erhaltung der Herz- und Gefäßgesundheit beitragen. Der behandelnde Arzt sollte den Blick auf den Betroffenen als Ganzes richten, dessen Krankheitsgeschichte meist komplex ist. Dabei ist noch viel Aufklärungsarbeit erforderlich. Denn eher selten werden Diabetiker routinemäßig auch auf eine Herzerkrankung untersucht. Kardiologen (Herzspezialisten) wiederum denken bei einer Herzerkrankung meist nicht an eine Störung des Zuckerstoffwechsels. Auch Diabetiker unterschätzen das Risiko für einen Herzinfarkt. Umgekehrt wissen die meisten herzkranken Patienten nicht, dass Diabetes eine Ursache ihrer Erkrankung sein kann.

Wichtiger Hinweis

Bitte beachten Sie, dass es aufgrund aktueller Untersuchungen eine neue Empfehlung für den Zielblutdruck bei Patienten mit Diabetes gibt: In Anlehnung an die Empfehlungen der European Society of Hypertension ist gegenwärtig eine Blutdrucksenkung auf Werte in einem Zielkorridor zwischen 130-139/80-85 mm Hg anzustreben, wobei das Ziel der Blutdruckeinstellung im unteren Bereich dieser Werte liegen sollte.

Diese Empfehlung ist in der Stellungnahme der Kommission Diabetes der Deutschen Hochdruckliga e.V. DHL® vom 07.09.2010 nachzulesen.

Autor

Professor Dr. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe ist Ärztlicher Direktor am Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen, Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum. Er ist Direktor des Diabeteszentrums und Vorsitzender der Stiftung „Der herzkranke Diabetiker (DHD)”.

Dieser Beitrag erschien im DRUCKPUNKT – Zeitschrift für Prävention und Behandlung des Bluthochdrucks und seiner Folgen – Ausgabe 03-04/2009. Sie können die Ausgabe hier kostenlos als PDF-Datei herunterladen oder als gedrucktes Heft in unserem Online-Shop erwerben.

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