Der Mensch ist so jung wie seine Gefäße

Professor Dr. med. Thomas Mengden

Anti-Aging für Gefäße: Eine gesunde Lebensweise und die konsequente Behandlung von gefäßschädigenden Erkrankungen wie Bluthochdruck halten Mensch und Gefäße jung.

Die große Körperschlagader (Aorta) gehört zu den ersten menschlichen Organen, die dem Alterungsprozess unterworfen sind. Ihre Hauptaufgabe ist die Verteilung des Blutes vom Herzen über mittlere und kleinere Arterien in alle Körperregionen. Damit das Blut nicht nur in der Austreibungsphase des Herzens (siehe Abbildung), sondern auch in der Erschlaffungsphase fließt, bedient sich die Aorta eines Tricks: In der Austreibungsphase werden etwa 60 Prozent der vom Herzmuskel erzeugten Energie in den elastischen Fasern gespeichert. Die restlichen 40 Prozent dienen dazu, das Blut zunächst voran zu treiben. Während der Erschlaffungsphase kommt es ähnlich wie bei einem Gummiband zu einer Rückstellung der elastischen Fasern, sodass die Aorta sich wieder leicht zusammenzieht. Diese Rückwärtsbewegung, auch Windkesselfunktion genannt, treibt das Blut weiter in alle Organe.

Gefäße werden steifer

Mit zunehmendem Alter kommt es zu einem steten Verlust an elastischen Fasern. Ähnlich wie bei einem spröde gewordenen Gartenschlauch kann sich dann die Aorta nicht mehr so gut ausdehnen und nicht mehr so gut zusammenziehen. Mit zunehmendem Verlust der Elastizität und auch zunehmender Verkalkung kommt es zu einer weiteren Verschlechterung der Windkesselfunktion. Da die Aorta in der Austreibungsphase nicht mehr genug nachgeben kann, kommt es zu einer starken Erhöhung des systolischen Blutdrucks (oberer Blutdruckwert). Der diastolische Blutdruck (unterer Wert) fällt hingegen immer weiter ab, da in der Erschlaffungsphase aufgrund der fehlenden Elastizität nicht mehr genügend Blut fließen kann. Dieser Prozess wird auch Versteifung genannt. Ein Patient mit einer erhöhten Gefäßversteifung hat zum Beispiel einen Blutdruck von 160 / 70 mm Hg. Wir sprechen in diesem Fall von einer isolierten systolischen Hypertonie, der weitaus häufigsten Hochdruckform im Alter. Wie Daten aus einer großen Studie (der Framingham-Studie) zeigen, entsteht diese Form der Altershypertonie als eigenständiges Krankheitsbild, ohne dass eine Erhöhung der diastolischen Blutdruckwerte vorausgegangen sein muss. Die Altershypertonie ist schwierig zu behandeln, da gefäßerweiternde Substanzen nicht gut wirken.

Risikofaktoren

Neben dem normalen Altern der Aorta gibt es eine Reihe von Faktoren, die den Alterungsprozess deutlich beschleunigen:

  • Bewegungsmangel
  • Rauchen
  • Übergewicht
  • Bluthochdruck
  • Fettstoffwechselstörung
  • Diabetes
  • familiäre Belastung

Diese Risikofaktoren begünstigen außerdem Herzinfarkt, Schlaganfall oder Nierenversagen. Bei Patienten mit vielen Risikofaktoren kann das „Gefäßalter“ deutlich höher sein als das tatsächliche Alter. Das Gefäßalter kann jedoch nicht einfach aus diesen Faktoren berechnet werden. Wir können jedoch das Gefäßalter bestimmen, indem wir zum Beispiel die so genannte Pulswellengeschwindigkeit messen. Das ist die Geschwindigkeit, mit der die Pulswelle vom Herzen über die große Körperschlagader bis in die kleinen Arterien verläuft. Je höher die Pulswellengeschwindigkeit, desto steifer und verkalkter ist das Gefäßsystem. Bei sehr elastischen Gefäßen liegt die Pulswellengeschwindigkeit bei etwa 5 bis 6 Meter pro Sekunde. Sie kann bei Menschen mit stark verkalkten Gefäßen bis auf 15 Meter pro Sekunde ansteigen. Die Messungen sollten jedoch nur in Zentren mit ausreichendem Know-how und geeichten Messgeräten durchgeführt werden. (Abbildung)

Alterung verhindern

Die wichtigste Anti-Aging Maßnahme für Gefäße und Mensch besteht in der Vorbeugung (Prävention). Hierzu gehört auch die frühzeitige Erkennung und Behandlung von Bluthochdruck, Diabetes und Fettstoffwechselstörungen. Auch der körperliche Fitnesszustand spielt eine entscheidende Rolle. Menschen mit sehr gutem Fitnesszustand sind unabhängig von ihrem Alter vor dem Elastizitätsverlust der Aorta geschützt. So können 70-Jährige durchaus das Gefäßalter eines 40-Jährigen haben. Auch die großen Fachgesellschaften für Bluthochdruck wie die European Society of Hypertension (ESH) haben die Bedeutung von Steifigkeitsmessungen erkannt. Bereits im Jahre 2007 wurde deshalb empfohlen, die Messung der Pulswellengeschwindigkeit in das Routineprogramm bei Patienten mit Bluthochdruck aufzunehmen. Wir haben in unserer Ambulanz diese Empfehlungen konsequent umgesetzt und führen neben Herzultraschall und Ultraschall der Halsschlagader bei allen Risikopatienten auch eine Steifigkeitsmessung der Gefäße durch. Auch bei bereits vorgeschädigten Gefäßen ist durch eine konsequente Behandlung von Bluthochdruck und Diabetes bei vielen Patienten noch ein Rückgang oder ein Stopp der Gefäßschädigung zu erreichen. Neben diesen medikamentösen Maßnahmen ist ein regelmäßiges körperliches Training die entscheidende Grundlage, um dem Alterungsprozess der Gefäßversteifung vorzubeugen. Eigene Untersuchungen haben dies jetzt nochmals eindrücklich bestätigt. Die Gefäße von älteren Menschen sind in der Regel weniger elastisch als die von jüngeren Menschen (siehe Abbildung) und weisen somit eine höhere Pulswellengeschwindigkeit auf. Bemerkenswert ist allerdings, dass auch im Alter eine gute körperliche Fitness mit einer besseren Gefäßelastizität verbunden ist.

Wer sollte sich untersuchen lassen?

Für Patienten mit Bluthochdruck (Empfehlung der ESH) kann die Messung der Gefäßsteifi gkeit wertvolle Zusatzinformationen für Diagnostik und Therapie liefern. Das gilt auch für alle Menschen mit erhöhtem Risiko für Herz-Kreislauf- Erkrankungen. Die Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die gleichen Faktoren, die den Alterungsprozess der Gefäße begünstigen. Aber auch bei gesundheitsbewussten Menschen kann die Messung im Rahmen von Präventionsmaßnahmen wie einem Herz-Kreislauf-Check sinnvoll sein.

Autor

Professor Dr. Thomas Mengden ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Angiologie sowie europäischer Hypertoniespezialist ESH und Hypertensiologe DHL®. Er ist tätig als Chefarzt am Kerckhoff-Rehabilitations-Zentrum auf dem Herz-Kreislauf-Campus Bad Nauheim.

Dieser Beitrag erschien im DRUCKPUNKT – Zeitschrift für Prävention und Behandlung des Bluthochdrucks und seiner Folgen – Ausgabe 03-04/2009. Sie können die Ausgabe hier kostenlos als PDF-Datei herunterladen oder als gedrucktes Heft in unserem Online-Shop erwerben.

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