Blutdrucksenker: Frauen leiden häufiger unter Nebenwirkungen

Privatdozentin Dr. med. Anna Mitchell

Bei den ersten medizinischen Studien zu Bluthochdruck wurden nur Männer berücksichtigt. Entsprechend wenig war darüber bekannt, wie sich die Wirkungen einer blutdrucksenkenden Therapie bei Männern und Frauen unterscheiden. Doch inzwischen weiß man mehr.

Annähernd zwei Drittel der Patienten in Deutschland, deren Tod direkt auf Bluthochdruck zurückgeführt wird, sind Frauen. Während im jüngeren Erwachsenenalter weniger Frauen als Männer an Hypertonie erkranken, nimmt die Anzahl der Frauen mit Bluthochdruck nach dem 50sten Lebensjahr schneller zu und nähert sich zunehmend der Zahl der betroffenen Männer an. Jüngere Frauen haben im Vergleich zu Männern ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Man nimmt an, dass der niedrigere Blutdruck von Frauen vor der Menopause ein Grund dafür ist. Die Hormonumstellung in der Menopause scheint daran beteiligt zu sein, dass sich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen beider Geschlechter in höherem Alter angleicht. Zu den Mechanismen, die Unterschiede in der Häufigkeit des Auftretens von Bluthochdruck bei Männern und Frauen erklären können, gehören Einflüsse der Geschlechtshormone auf den Salz- und Wasserhaushalt des Körpers. Weibliche Geschlechtshormone scheinen insbesondere vor einem Blutdruck-Anstieg zu schützen, der durch hohen Salzkonsum verursacht wird. Denn die Hormone verringern bei Frauen die Aktivität des Renin-Angiotensin-Systems und fördern die Salz-Ausscheidung über den Urin.

Frauen waren unterrepräsentiert

In den ersten großen Hypertonie-Studien wurden keine Frauen berücksichtigt. Und auch im Verlauf waren Frauen über lange Zeit in Therapie-Studien unterrepräsentiert. Doch heute ist erwiesen, dass eine gute Blutdruckeinstellung das Herz- Kreislauf-Risiko für beide Geschlechter verringert. Übereinstimmend empfehlen die deutschen, die europäischen und die US-amerikanischen Leitlinien zur Behandlung der arteriellen Hypertonie die Änderung des Lebensstils bereits ab hochnormalen Blutdruckwerten – also bei oberen Blutdruckwerten zwischen 120 und 139 mm Hg sowie bei unteren Werten zwischen 80 und 89 mm Hg. Bei der immer größer werdenden Zahl übergewichtiger und adipöser Patienten mit Bluthochdruck steht die Gewichtsabnahme im Vordergrund. Erste Untersuchungen haben allerdings gezeigt, dass gerade bei Frauen eine Gewichtsabnahme zur Senkung des Risikos von Herz-Kreislauf-Erkrankungen schwerer zu erreichen ist. Bei diätetischen Empfehlungen ist zu beachten, dass durch die hormonellen Umstellungen in der Menopause der Blutdruck vieler Frauen erstmalig auf Kochsalzkonsum reagiert (siehe auch Seite 30: „Altes und Neues vom Salz“). So kann eine Einschränkung des Kochsalzkonsums besonders bei älteren Patientinnen hilfreich sein.

Blutdrucksenker für Frauen

Derzeit wird bei den wichtigen Entscheidungen zur Therapie von Bluthochdruck kein Unterschied zwischen Männern und Frauen gemacht: Das betrifft die Einleitung einer medikamentösen blutdrucksenkenden Therapie, die Blutdruck-Zielwerte und auch die Auswahl von Medikamenten.

Diuretika Für eine Monotherapie werden Frauen, die an Bluthochdruck leiden, derzeit am häufigsten Diuretika verordnet. Diuretika vom Typ der Thiazide können einen günstigen Einfluss auf den Knochenstoffwechsel haben und Knochenabbau mindern. Dem gegenüber steht allerdings ein ungünstiger Effekt auf den Glukosestoffwechsel: Thiazid-Diuretika erhöhen bei beiden Geschlechtern das Diabetesrisiko. Während einer Diuretikatherapie treten bei Frauen häufiger als bei Männern Nebenwirkungen auf, die den Elektrolytstoffwechsel betreffen. Dazu gehören beispielsweise ein zu niedriger Natriumspiegel (Hyponatriämie) oder ein zu niedriger Kaliumspiegel (Hypokaliämie).

Betablocker Es ist davon auszugehen, dass Betablocker bei Männern und Frauen den Blutdruck gleichermaßen effektiv senken. Allerdings sind bei Frauen Nebenwirkungen deutlich häufiger: zum Beispiel eine zu starke Senkung der Herzfrequenz und des Blutdrucks oder höhergradige Herzrhythmusstörungen. Diese können unter anderem als Folge eines langsameren Abbaus bestimmter Betablocker in der Leber auftreten.

Kalziumantagonisten Für den Einsatz von Kalziumantagonisten bei Frauen lässt die Datenlage bisher keine abschließende Beurteilung zu. Doch möglicherweise ist bei einer auf Kalziumantagonisten basierenden Therapie das Risiko von Herz- Kreislauf-Erkrankungen für ältere Frauen erhöht. Die Beobachtungsstudie der World-Health-Initiative (WHI) liefert derzeit die größte Datenbasis für die Wirkung von Blutdrucksenkern bei Frauen. Sie zeigte, dass Frauen ein erhöhtes Risiko haben an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben, wenn sie eine Monotherapie mit einem Kalziumantagonisten erhielten. In der ALLHAT-Studie (Antihypertensive and Lipid Lowering Treatment to prevent Heart Attack Trial: 47 Prozent Frauen) wurde dagegen kein erhöhtes Mortalitätsrisiko für eine auf Kalziumantagonisten basierende antihypertensive Therapie festgestellt, lediglich das Risiko für Herzschwäche (Herzinsuffizienz) war erhöht. Die VALUE-Studie (Valsartan Antihypertensive Long-term Use Evaluation) ergab einen Vorteil der antihypertensiven Therapie mit Amlodipin für Frauen. Wassereinlagerungen an den Beinen (periphere Ödeme) traten bei der Behandlung mit einem Kalziumantagonisten bei Frauen deutlich häufiger auf.

ACE-Hemmer Die durch verschiedene ACEHemmer hervorgerufene Blutdrucksenkung ist für Frauen und Männer vergleichbar. In den meisten Studien, in denen die Effekte von ACE-Hemmern auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die Sterberate untersucht wurden, waren Frauen deutlich unterrepräsentiert. Das könnte ein Grund dafür sein, dass diese Untersuchungen in der Summe für Frauen weniger Vorteile einer Therapie mit ACEHemmern zeigten. Die HOPE Studie (Heart Outcomes Prevention Evaluation Study: 26 Prozent Frauen), in der Hochrisiko-Patienten untersucht wurden, zeigte allerdings für Frauen eine Reduktion der Sterberate an Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 38 Prozent. Das ist den Ergebnissen bei den Männern vergleichbar. Die häufigste Nebenwirkung einer ACE-Hemmer Therapie, ein trockener Reizhusten, tritt bei Frauen etwa zweimal häufiger auf als bei Männern.

AT1-Antagonisten Die Wirkungen von AT1-Antagonisten in der LIFE-Studie (Losartan Intervention for Endpoint Reduction in Hypertension: 54 Prozent Frauen) und der CHARM-Studie (Candesartan in Heart Failure – Assessment of reduction in mortality and morbidity: 21 Prozent Frauen) waren für Männer und Frauen vergleichbar. Unter den verschiedenen Medikamentenklassen haben AT1- Antagonisten gerade bei Frauen das günstigste Nebenwirkungsprofil.

AT1-Antagonisten bevorzugen

Insgesamt ist der Nutzen einer blutdrucksenkenden Therapie für Frauen gesichert und dem für Männer vergleichbar. Bei Frauen treten jedoch häufiger Nebenwirkungen auf als bei Männern, was bei den blutdrucksenkenden Medikamenten aus allen Wirkstoffklassen zu beobachten ist. In Anbetracht der Einflüsse körpereigener Östrogene auf das Renin-Angiotensin-System und unter Berücksichtigung des günstigen Nebenwirkungsprofils sollten AT1-Antagonisten bei Frauen bevorzugt eingesetzt werden.

Autorin

Privatdozentin Dr. med. Anna Mitchell ist als leitende Oberärztin an der Klinik für Nephrologie des Universitätsklinikums der Universität Duisburg- Essen tätig. Sie ist Fachärztin für Innere Medizin mit Schwerpunkt Nephrologie und Diplom- Journalistin.

Dieser Beitrag erschien im DRUCKPUNKT – Zeitschrift für Prävention und Behandlung des Bluthochdrucks und seiner Folgen – Ausgabe 01/2011. Sie können die Ausgabe hier kostenlos als PDF-Datei herunterladen oder als gedrucktes Heft in unserem Online-Shop erwerben.

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