Experten-Interview mit Professor Dr. med. Armin Kurtz

Professor Dr. med. Armin Kurtz hat am Institut für Physiologie der Universität Regensburg den Lehrstuhl für Physiologie inne und ist Sprecher des Sonderforschungsbereichs 699 mit dem Schwerpunkt Niere. Er ist Mitherausgeber mehrerer wissenschaftlicher Journale, Gutachter für deutsche und internationale Forschungsförderinstitutionen sowie Präsident der Deutschen Physiologischen Gesellschaft.

Redaktion: Herr Professor Kurtz, Sie sind Grundlagenforscher und beschäftigen sich bereits seit vielen Jahren mit der Erforschung der Nierenfunktion. Hat dieses komplexe Organ inzwischen den Großteil seiner Geheimnisse Preis gegeben? Oder stoßen Sie noch immer auf Rätsel?

Professor Dr. Armin Kurtz: Auf diese Frage darf ich aus der Sicht eines leidenschaftlichen Krimilesers antworten. Der Kommissar hat den Täter nach längerer Jagd in einem weitläufigen Schloss in den letzten Zufluchtsraum zurückgedrängt, zu dem aus Sicht des Kommissars nur eine einzige Tür führt. Als dieser dann erwartungsfroh diese eine Tür öffnet, findet er den Raum leer vor, dafür aber zehn weitere, unerwartete Türen. Diese Erfahrung ist dem Wissenschaftler sehr geläufig. Man hat zwar einen Plan, aber man weiß nie, welche neuen, unerwarteten und spannenden Fragen sich bei der Verfolgung des Plans auftun. Insofern ergeben sich stets neue faszinierende Rätsel auch in der Nierenforschung.

Redaktion: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft bewilligte Ende 2009 die Weiterfinanzierung des Forschungsschwerpunkts „Niere“ an der Universität Regensburg. Seit 2006 gibt es den Sonderforschungsbereich, dessen Sprecher Sie sind. Er trägt wesentlich zur Profilbildung der Universität Regensburg bei. Was ist Ihnen persönlich am wichtigsten bei diesem Projekt?

Professor Dr. Armin Kurtz: Der Sonderforschungsbereich 699 hat für mich drei Bedeutungsebenen. Auf der naheliegendsten ermöglicht er mir und meinen Kollegen interdisziplinäre und synergistische Nierenforschung auf einem hohen und international wettbewerbsfähigen Niveau. Auf der zweiten Ebene ist der SFB 699 wichtig für die profilbildende Strukturentwicklung der Universität Regensburg, da er für diese einen wissenschaftstrategischen Anker bildet. Auf der dritten Ebene ist der SFB 699 wichtig, weil er ein national und international sichtbares Zeichen für konzentrierte Grundlagenforschung auf dem Nierensektor darstellt. Der SFB 699 ist deutschlandweit derzeit der einzige Sonderforschungsbereich, der sich fokussiert mit Nierenforschung beschäftigt.

Redaktion: Ist damit zu rechnen, dass aus Ihren Forschungsarbeiten in den kommenden Jahren konkrete diagnostische oder therapeutische Anwendungsmöglichkeiten erwachsen?

Professor Dr. Armin Kurtz: Unsere Forschungsarbeiten sind vordergründig nicht auf eine direkte Anwendbarkeit in der medizinischen Praxis angelegt, sondern dienen vom Grundsatz her dem kausalen Verständnis von Funktionsabläufen in der Niere. Wir erforschen das Renin-Angiotensin- System (RAS), das durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Hormone den Salz- und Wasserhaushalt des Körpers steuert. Störungen der normalen Funktionsabläufe sind in der Regel allerdings krankheitsrelevant, woraus sich indirekt die medizinische Bedeutung unserer Arbeiten für den Menschen erschließt. Wir können aus unseren Arbeiten auch Erklärungen für Therapieverläufe ableiten. Ich will zwei Beispiele aus unserer Forschung anführen, welche vom Thema her den Lesern des DRUCKPUNKTs vertraut sein könnten. In unseren Maus-Untersuchungen zu den reninbildenden Zellen der Niere, welche die Aktivität des RAS kontrollieren, haben wir festgestellt, dass diese Zellen über bestimmte Verbindungen miteinander kommunizieren. Wird diese Kommunikation gestört, geraten die Zellen außer Kontrolle und sondern unkontrolliert Renin in die Blutbahn ab, was zu einer massiven Hypertonie führt. Vor kurzem wurde beim Menschen ein genetischer Defekt dieser Kommunikation beschrieben. Es war für uns nicht überraschend, dass diese Mutation gemeinsam mit Hypertonie auftrat, weil wir den Ablauf des Krankheitsprozesses bereits verstehen und auch erklären können. Das zweite Beispiel resultiert aus der schon lange bekannten Wechselwirkung zwischen dem Salzhaushalt des Körpers und der Aktivität des RAS. Wir versuchen in unseren Arbeiten zu verstehen, über welche fundamentalen Mechanismen der Salzhaushalt die Aktivität der reninbildenden Zellen beeinflusst. Die Bedeutung einer diätetischen Kochsalzrestriktion für den Blutdruck steht in der aktuellen medizinischen Diskussion. Den medizinischen Empfehlungen, den Kochsalzkonsum in unserer Gesellschaft in etwa zu halbieren, werden Studien entgegengehalten, in welchen diätetische Kochsalzrestriktion keine deutlichen und vor allem nachhaltigen Auswirkungen auf den Blutdruck zeigte. Das ist aus der Sicht unserer Forschung auch nicht verwunderlich, da eine Reduktion der Kochsalzzufuhr das RAS kompensatorisch aktiviert, was den Körper zum Salzsparen anhält. Entsprechend wird sich an der Salzbilanz und am Blutdruck bei moderater Kochsalzdiät nichts Gravierendes ändern. Nimmt man dem Körper allerdings diesen Kompensationsmechanismus, indem man das RAS pharmakologisch mit ACE-Inhibitoren oder Sartanen hemmt, dann erzielt man damit wesentlich deutlichere Blutdrucksenkungen bei Kochsalzrestriktion als bei salzreicher Ernährung, bei der das RAS per se gedämpft ist.

Redaktion: Was liegt Ihnen generell bei Ihrer Arbeit besonders am Herzen?

Professor Dr. Armin Kurtz: Als einem in der Physiologie angelandeten Mediziner liegt mir in meinen Forschungsarbeiten der Bezug zum Menschen sehr am Herzen. Die Arbeit mit Stellvertretermodellen wie Maus oder Zellkultur setzt voraus, dass das zu untersuchende Phänomen auch relevant im Menschen auftritt. In diesem Sinne liegt mir die Aufklärung fundamentaler Prozesse mehr am Herzen als die Bestimmung quantitativer Effekte am Versuchstier. Wichtig ist für mich auch die Entwicklung und Einbindung neuer Methoden, so sie sich naheliegend für den Fortschritt in der genuinen Forschungsfrage als erforderlich erweisen. Sehr am Herzen liegt mir auch die Ausbildung von Nachwuchsforschern aus der Medizin oder den Naturwissenschaften. Ich versuche ihnen Interesse, Engagement, Zielstrebigkeit, die Fähigkeit sich wundern zu können, aber auch Aufrichtigkeit in der Forschung zu vermitteln.

Redaktion: Welchen Herzenswunsch würden Sie sich gerne in den nächsten Jahren erfüllen?

Professor Dr. Armin Kurtz: Ich mache kein Hehl daraus, herzlich gerne vor den schwedischen König treten zu wollen, um den Nobelpreis für Medizin aus seinen Händen entgegen zu nehmen. Da Ihre Frage aber wahrscheinlich impliziert, dass die Erfüllung des Herzenswunsches in meinen persönlichen Möglichkeiten und Kräften liegen sollte, hätte ich auch solche Wünsche parat. Ich würde gerne zusammen mit meiner Frau die interessanten Regionen der Erde kennenlernen, die ich bislang dienstlich noch nicht bereist habe. Dazu zählen vorrangig Afrika und das nördliche Skandinavien.

Dieser Beitrag erschien im DRUCKPUNKT – Zeitschrift für Prävention und Behandlung des Bluthochdrucks und seiner Folgen – Ausgabe 01/2011. Sie können die Ausgabe hier kostenlos als PDF-Datei herunterladen oder als gedrucktes Heft in unserem Online-Shop erwerben.

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